Der Baum der mich Grenzen lehrte
- vor 3 Tagen
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Ich war im Kindergarten, als ich zum ersten Mal einem Naturgeist begegnete – auch wenn ich damals noch keine Worte dafür hatte. Direkt vor unserer kleinen Schule im Dorf stand ein Baum. Ein wunderschöner, weit ausladender Baum, um den wir Kinder spielten, auf den wir kletterten und an den wir uns manchmal lehnten, als wäre er ein selbstverständlicher Teil unseres Spielplatzes.
Zuerst fühlte es sich magisch an – wie ein stiller Freund, gross und weise. Doch dann begann etwas Merkwürdiges zu passieren. Jedes Mal, wenn ich an ihm vorbeiging, legte sich ein schweres, fast stechendes Gefühl von Negativität auf mich. Ich konnte es nicht erklären, aber es machte mir Angst. Langsam lernte ich, Abstand zu halten. Das war meine erste bewusste Begegnung mit der Idee, dass nicht jeder Baum umarmt werden möchte, dass nicht jedes Lebewesen unsere Berührung ohne Einladung willkommen heisst.

Es ist irgendwie lustig, wie oft Menschen sich als „Tree Hugger“ bezeichnen, als Zeichen ihrer Verbundenheit mit der Natur. Und ja – einen Baum zu umarmen kann sich tatsächlich anfühlen wie Auftanken. Aber vergessen wir nicht: Authentische naturbasierte Spiritualität besteht nicht aus performativen Gesten. Sie lebt von Resonanz, Respekt und Zuhören. Davon zu spüren, wann ein Baum, eine Pflanze oder ein Bach deine Aufmerksamkeit willkommen heisst – und wann eben nicht.
Selbst wenn du mitten in der Stadt lebst, brauchst du keinen Wald, um diese Form der achtsamen Verbindung zu praktizieren. Ein kleiner Baum vor deinem Haus, eine hartnäckige Pflanze, die durch einen Riss im Gehweg wächst, oder selbst das Grün auf deinem Balkon können dir dieselbe Lektion lehren: wahrnehmen, fühlen und das Leben um dich herum ehren.
Naturbasierte Spiritualität hat nichts mit grossen Gesten oder fototauglichen Ritualen zu tun. Sie geht um Präsenz, Bewusstsein und Gegenseitigkeit. Du kannst ein Stadtkind sein und trotzdem die feinen Energien deiner Umgebung wahrnehmen. Du kannst lauschen, spüren und lernen – ohne etwas zu erzwingen, ohne Grenzen zu überschreiten.
Und das Schönste daran: Wenn du dem Leben so begegnest, beginnt alles anders zu schwingen. Du nimmst die kleinen Geschenke wahr – wie ein Blatt im Wind zittert, das sanfte Summen eines Strassenbaums in der Dämmerung, die stille Einladung einer Pflanze, die deine Berührung wirklich willkommen heisst. Du erkennst, dass Verbindung nicht daran gemessen wird, wie viele Bäume du umarmst, sondern an dem Respekt, der Aufmerksamkeit und der Feinfühligkeit, mit der du der Welt begegnest.
Also umarme einen Baum, wenn es sich richtig anfühlt. Setz dich still neben eine Pflanze. Höre zu. Spüre. Lerne. Und vergiss nicht: Wahre Verbindung ist immer gegenseitig (nicht nur, wenn es um Freundschaften mit Bäumen geht).



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