Göttlichkeit, verborgen im Offensichtlichen
- vor 22 Stunden
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Während meiner Reisen halte ich jeweils Ausschau nach verborgener Göttlichkeit. Nicht nach jener, die laut nach Aufmerksamkeit ruft – sondern nach der stillen, die in Ecken verweilt, im Stein, im Mythos, an Orten, an denen die meisten Menschen achtlos vorübergehen. Ich suche das Heilige, das im Verborgenen überdauert: eine Göttin in einer verwitterten Fassade, ein vergessenes Symbol in einer schmalen Gasse. Ein alter Tempel, der umbenannt wurde – aber sich nie ganz hat vertreiben lassen.

Rom ist dafür ein hervorragendes Beispiel. Als ich erstmals dorthin reiste, wurde mir rasch bewusst, dass ich buchstäblich von alten Göttern umgeben war – nicht nur im spirituellen Sinn, sondern in Stein und Marmor, in Brunnen und Kuppeln, eingewoben in das alltägliche Leben der Stadt.
Neptun, der aus dem Wasser emporsteigt wie ein im Marmor erstarrter Zauber (ob ihm wohl Medusa einen Besuch abgestattet hat?). Und das Pantheon – einst Haus für alle Götter, später christianisiert – trägt unter seiner Kuppel noch immer dieses Vibrieren. Dieses leise: Ich war schon hier, bevor ihr mich umbenannt habt. Selbst nach Jahrhunderten der Umdeutung ist sie spürbar: die Heiligkeit vergangener Hingabe, das Echo von Gebeten, die einer anderen Welt gehörten.
Rom ist aus Glaubensschichten gebaut. Und während ich durch ihre Strassen ging, fragte ich mich, wie viele Götter wohl noch da sind – nur unter anderen Namen. Als Heidin und Omnistin fühlte ich mich nicht fremd dort. Eher erinnert. Doch mein eigener Anfang die alten Götter in der Moderne zu entdecken, begann einige Zeit davor schon.
Der Moment, in dem Mythologie für mich fühlbar wurde – nicht nur Wissen, sondern Erfahrung –, geschah viel früher, auf Zypern. Ich war acht Jahre alt, als ich die Bäder der Aphrodite besuchte. Etwas an diesem Ort blieb bei mir. Seit jenem Tag begleitet sie mich – oder vielleicht begleite ich sie. Wie auch immer man es formuliert: Dort begann meine bewusste Beziehung zur alten Welt der Götter.
Von da an war ich fasziniert von Kultur, Geschichte und den mythologischen Schichten unter dem Alltag. Doch erst Jahre später begann ich, mit einer klaren Intention zu reisen. Nicht mehr nur, um Orte zu sehen, sondern um sie als lebendige Mythoslandschaften zu betreten – als Räume, in denen man Spuren lesen und Resonanzen wahrnehmen kann.
Mich fasziniert besonders, wie oft alte Gottheiten im Gewand neuer Glaubensformen weiterleben. Eine Heilige in einer Kapelle, eine Figur in einer Kathedrale – manchmal sind es umbenannte Kräfte, überformt, vergessen vielleicht, aber nie ganz ausgelöscht. Nicht selten wurden Kirchen auf ehemaligen Kultstätten errichtet, angezogen von der Energie, die dort über Jahrhunderte geehrt wurde. Das Alte verschwindet selten ganz. Es wandelt sich. Es bleibt – für jene, die genau hinsehen.
Und selbst in scheinbar modernen Kontexten tauchen Spuren auf: ein Strassenname, ein Relief an einer Fassade, ein lokales Fest, das älter ist als seine heutige Deutung. Mit diesem Blick wird jede Stadt zu einem Gewebe aus Geschichten – und jede Reise zu einer Art archäologischer Spurensuche des Unsichtbaren.
Meine Sehnsucht reicht jedoch weiter. Japan ruft mich – mit seinen Wäldern, Bergen und heiligen Stätten. Besonders zieht mich der Fushimi Inari Taisha an, mit seinen tausenden zinnoberroten Torii-Toren, die sich den Berg hinaufziehen. Inari Ōkami, die dort verehrte Gottheit, vereint männliche und weibliche Aspekte in sich – fließend, jenseits starrer Kategorien. Der Gedanke, einer solchen Präsenz zu begegnen, sie nicht nur zu lesen, sondern zu erfahren, weckt in mir eine tiefe Reiselust.
Oder Malta etwa, wo einer der ältesten bekannten Göttinnentempel aus der Erde aufragt – ein Ort, der von Ritualen erzählt, die älter sind als vieles, was schriftlich überliefert wurde.
Diese Wege – von Zypern über Rom und der eigenen Heimat bis zu den Orten, die noch auf mich warten – haben mich eines gelehrt: Die Götter sind nicht verschwunden. Sie liegen in Schichten unter unserer Welt.
Reisen wird dadurch weniger zu Sightseeing und mehr zu einem Lauschen. Zu einem bewussten Wahrnehmen. Zu einem Mitgehen – selbst wenn es nur für einen Moment ist. Denn das Heilige ist dem Alltäglichen näher, als wir glauben. Es überlebt. Es passt sich an. Und es wartet darauf, erkannt zu werden. Wenn wir bereit sind, können wir an seiner Seite gehen – als Weggefährt:innen, als Zeug:innen, als Suchende nach Geschichten, die älter sind als wir selbst.


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