Warum Hexenkunst politisch ist: Power zurückerobern, Feminismus und der Geist des Widerstands am Internationalen Frauentag
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Kurzer Disclaimer vorweg: Achtung, heute ist die Hexe los – und dieser Text ist nichts für fragile männliche Egos oder fundamentalistische Christ:innen. Wenn du trotzdem weiterliest, fühl dich gewarnt. 😉
So. Und jetzt tauchen wir ein.
Wenn wir auf The Urban Mystic in der Regel über Hexen und Hexenkunst sprechen, geht es meist um Spiritualität, Alltagsmagie und Rituale, die das Leben reicher machen. Doch die Hexe war nie nur eine private spirituelle Figur – sie war immer auch politisch. Vom mittelalterlichen Europa bis heute steht sie für Frauen, die Autonomie beanspruchen und sich Kontrolle widersetzen. Diese Macht für sich zurückzufordern, war schon immer ein radikaler Akt. An einem Tag, der Frauen gewidmet ist, lohnt sich deshalb die Frage: Warum ist diese Figur auch 2026 noch relevant für Feminismus, Gleichberechtigung und sozialen Wandel?

Die sozio-politische Geschichte der Hexe
Die Begriffe „Hexe“ und „Hexerei“ hatten nie nur eine einzige Bedeutung. Je nach Zeit, Ort und Perspektive bezeichneten sie spirituelle Praktiken, volksheilkundliches Wissen oder Heiltraditionen – aber auch Anschuldigungen, Projektionen und Ängste. In vielen historischen Kontexten hatte die Zuschreibung „Hexe“ wenig mit den tatsächlichen Überzeugungen oder Praktiken einer Person zu tun. Sie hatte alles mit Macht, Konformität und Kontrolle zu tun. Besonders ab dem späten Mittelalter begann sich ein dominantes Bild der „bösen Hexe“ zu verfestigen – verknüpft mit dem Teufel, angeblichem Dämonenkult und dunklen Verschwörungen. Doch das war keineswegs das einzige Verständnis von Magie und Hexenkunst oder gar dem Begriff der Hexe selbst.
Frühere Kulturen hatten oft ambivalente Vorstellungen von Begriffen wie Hexe, und Hexenkunst: Die Hexenkunst, also der magische Akt, konnte heilen oder schaden, schützen oder bedrohen, und ihre Praktizierenden nahmen komplexe, oft vermittelnde Rollen innerhalb ihrer Gemeinschaften ein. Neben Angst und Misstrauen gab es auch viel Respekt, manchmal Abhängigkeit und in manchen Fällen sogar tiefe Verehrung. Magisch Praktizierende galten als Menschen, die in Beziehung zu Kräften jenseits des Alltäglichen standen – einschliesslich des Göttlichen. Diese Beziehungen waren geprägt von Nähe, Notwendigkeit und gelebter Erfahrung, nicht von einem kosmischen Kampf zwischen absolutem Gut und absolutem Böse.
Was sich später änderte, waren Ausmass, Systematik und Absicht. Durch die christliche Dämonologie wurden vielfältige magische Figuren schrittweise in eine einzige, standardisierte Erzählung gepresst. Diese wurde durch Schriften wie den berüchtigten Malleus Maleficarum von Heinrich Kramer kodifiziert und verbreitet. Darin wurde die Idee verankert, Frauen seien besonders anfällig für Hexerei und müssten mit allen Mitteln verhört werden – was in der Realität häufig Folter und Tod bedeutete, insbesondere bei erzwungenen „Geständnissen“.
So wurde aus einer vielschichtigen, ambivalenten Figur eine systematisch dämonisierte Projektionsfläche kollektiver Ängste: Angst vor nicht-konformen Frauen, vor Körpern, die sich Regulierung widersetzten, vor Wissen ausserhalb legitimierter religiöser und politischer Institutionen – und vor Frauen mit ökonomischer oder sozialer Macht, etwa verwitweten Frauen mit Landbesitz. Kirche und weltliche Autoritäten standen sich dabei nicht gegenüber, sondern arbeiteten Hand in Hand. Sie verstärkten gegenseitig ihre Narrative, legitimierten Gewalt und konsolidierten Macht – spirituell, sozial und ökonomisch.
Von der Geschichte zur modernen Wiederaneignung
Aber Moment – das ist doch Jahrhunderte her, oder? Warum sollten wir uns 2026 noch mit Hexen beschäftigen, wenn wir über Feminismus und Gleichberechtigung sprechen?
Wenn uns Geschichte eines gelehrt hat, dann das: Die Hexe war nie bloss Aberglaube. Sie war immer ein Symbol für Frauen, die ihre eigene Macht, Autonomie und ihr Wissen beanspruchten – und genau das macht sie inhärent politisch. Von der beginnenden Dämonisierung im späten Mittelalter bis zu den Hexenverfolgungen der Frühen Neuzeit, die Unabhängigkeit und Besitz bestraften, verkörperte die Hexe die Angst vor Frauen, die sich nicht fügen wollten. Diese Spannung besteht bis heute fort: Die eigene Stimme, den eigenen Körper, die eigene Arbeit und Intuition zu beanspruchen, ist nach wie vor ein politischer Akt.
Weltweit wird der Begriff „Hexe“ heute auf zwei miteinander verwobene Arten zurückerobert: Einerseits als spirituelle Praxis – oft, aber nicht ausschliesslich natur- und erdverbunden. Menschen, die im Einklang mit natürlichen Zyklen leben, Wandel wahrnehmen und sich als Teil eines grösseren Ganzen verstehen. Andererseits als magisches Handwerk¹ – im Sinne einer praxisorientierten Hexenkunst: Menschen, die mit natürlichen Zyklen, Symbolen und wiederkehrenden Rhythmen arbeiten. Nicht als Glaubenssystem, sondern als erfahrungsbasierte Praxis, die Aufmerksamkeit, Intention und Selbstwirksamkeit stärkt – unabhängig davon, ob sie spirituell interpretiert wird oder nicht. Und nein: Die hier gemeinte magische Praxis hat nichts mit Hollywood-Magie oder Hokuspokus zu tun. Es geht um die achtsame Kunst, Realität durch Fokus, Intention und Achtung zu gestalten – im Einklang mit den Rhythmen der Natur.
Hexerei als feministischer Widerstand
Während früher unabhängige, wissende oder machtvolle Frauen gegen ihren Willen als „Hexen“ gebrandmarkt wurden – ein Mittel zur Abwertung, Dämonisierung und Kontrolle –, wird der Begriff heute bewusst und poisiv verstanden zurückerobert. Sich selbst als Hexe zu bezeichnen bedeutet, Unabhängigkeit, Selbstbestimmung und die Rolle als Gestalter:in von Veränderung anzunehmen.
Moderne Hexen stehen in ihrer Kraft. Sie nutzen ihre Praxis, um Wandel zu bewirken, Gemeinschaften zu schützen und sich für Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Fürsorge für die Welt einzusetzen. Manche verwenden ihre Praxis, um sich für Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit und Community Care stark zu machen. Andere praktizieren „aktivistische Hexerei“ – kollektive Rituale für Gerechtigkeit, Schutzrituale für Gemeinschaften oder symbolische Handlungen, die Unterdrückung herausfordern. Hexerei ist heute nicht nur spirituell, sondern politisch, ethisch und intentional. Es geht darum, präsent zu sein, andere mitzunehmen und sich Jahrhunderten systemischer Kontrolle und Auslöschung entgegenzustellen.
Moderne Hexerei erinnert uns daran, dass Feminismus und Gleichberechtigung keine abstrakten Ideen sind – sie sind gelebte, verkörperte Praxis. Die Hexe, einst zum Schweigen gebracht und gefürchtet, steht heute als Symbol des Widerstands – ein wandelnder Mittelfinger für Systeme, die Menschen kontrollieren und schaden wollen.
Internationaler Frauentag und die Hexe heute
An diesem Internationalen Frauentag ehren wir die unzähligen Frauen, die für unsere Rechte, unsere Freiheit und unsere Stimmen gekämpft haben. Und wir erobern den Begriff der Hexe zurück – als Symbol von Rebellion, Selbstermächtigung und Stärke. Eine Hexe zu sein bedeutet, unapologetisch man selbst zu sein, Autonomie zu beanspruchen und für Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Befreiung einzustehen. Die Hexe, einst zum Schweigen gebracht und gefürchtet, ist heute eine Figur der Solidarität, des Widerstands und des verkörperten Feminismus.
Also ja: Hexenkunst und was damit in Verbindung gebracht wird, war schon immer politisch – und sie wird es immer sein. Die Revolution beginnt damit, die eigene Macht zurückzuerobern – und andere mitzunehmen, während wir wachsen. Eine Hexe zu sein heisst nicht nur, Magick zu praktizieren. Es bedeutet radikales, bewusstes und transformierendes Handeln.
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¹ Hexerei aus Sicht moderner Hexen und Heid:innen: Hexerei ist eine Praxis – ein „Handwerk“ –, das in Intention, Fokus und der Verbindung zur natürlichen Welt wurzelt. Sie kann spirituelle Überzeugungen beinhalten, muss es aber nicht. Im Kern geht es darum, durch bewusste, symbolische Handlungen Veränderung im eigenen Leben zu schaffen. Magie/Zauberei/Hexerei bezeichnet in diesem Zusammenhang den Einsatz von Ritualen, Symbolen oder Werkzeugen, um Geist und Energie auf ein gewünschtes Ziel auszurichten. Moderne Hexerei lässt sich oft von der Natur, den Zyklen der Jahreszeiten und des Mondes sowie von den Elementen inspirieren. Eine Kerze anzuzünden, mit Kräutern zu arbeiten oder ein einfaches Ritual durchzuführen, hat nichts mit übernatürlichen Kräften zu tun – sondern mit Klarheit, Achtsamkeit, sinnvollem Handeln und verbundenheit mit der Welt um einen herum. So ist Hexerei zugleich eine persönliche Praxis und eine Möglichkeit, sich mit der Welt zu verbinden – eine Verbindung aus Reflexion, Kreativität und Selbstermächtigung.



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