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Jenseits von „Happy End“: Warum Gemeinschaft gesünder ist als die Vergötterung der Romantik

  • vor 5 Stunden
  • 5 Min. Lesezeit


Wir alle kennen das klassische Filmende: Die Musik schwillt an, ein Geständnis im Regen, die letzte Umarmung, der Kuss – und dann die Abblende ins Schwarze. Das Bild vermittelt uns: Ab hier sind alle Probleme gelöst. Dieses „Disney-Skript“ lehrt uns, dass Liebe eine Art Schatzsuche ist. Der Hauptpreis? Ein einziger Mensch, der plötzlich alle unsere Bedürfnisse erfüllen soll – egal ob intellektuell, sexuell, emotional oder spirituell.


Als Expertin für psychische Gesundheit und jemand, der sich viel damit beschäftigt, was ein erfülltes Leben ausmacht, sehe ich in dieser Vorstellung allerdings auch eine Gefahr. Dieser Glaube an „den einen“ Menschen, der alles für uns sein muss, ist eine weit verbreitete Illusion. Sie führt nicht nur zu Enttäuschungen, sondern überfordert unsere Beziehungen oft so sehr, dass sie am Ende genau daran zerbrechen.


Das Mädchen, das die Welt wollte – nicht nur den Prinzen

Für diejenigen, die mich kennen, ist es keine Überraschung, dass ich gerne an den Grundfesten unserer romantischen Überzeugungen rüttle. Aber um eines klarzustellen: Auch ich hatte als Mädchen meine absolute Disney-Phase. Ich habe die Magie geliebt, die dadurch vermittelt wurde. Ich habe Arielle gelieeeebt – obwohl ich, rückblickend betrachtet, wohl schon immer mehr von ihrem Durst nach Abenteuer fasziniert war, von ihrer Sammlung an Kuriositäten und ihrer Sehnsucht, eine Welt jenseits ihrer eigenen zu sehen, als vom Prinzen selbst.


Aber das Skript, das uns verkauft wird, ist nunmal lein Komplettpaket. Uns wird beigebracht, dass das „Abenteuer“ nur die Einleitung zum „Prinzen“ ist. Man sagt uns, sobald wir ihn (oder sie) gefunden haben, könne unsere Neugier zur Ruhe kommen. Aber wir bist kein Bruchstück, das nach einer Nachkommastelle sucht; genauso wie wir sind, sind wir richtig. Wenn wir eine Beziehung auf der Suche nach „Vervollständigung“ eingehen, suchen wir keinen Partner – wir suchen eine Prothese. Und genau dort beginnt das Problem.


Die unbewusste Falle: Wenn wir Hingabe mit Selbstaufgabe verwechseln

Die Liebe, die uns am Ende zerbrochen zurücklässt, kommt selten von „Bösewichten“(böswilligen Menschen). Sie kommt oft von Menschen, die nie etwas hinterfragen, unbewusst handeln und Selbstaufgabe fälschlicherweise für tiefe Hingabe halten. Wenn wir von einem Partner verlangen, unser „Alles“ zu sein, legen wir bereits den Grundstein fürs Scheitern. Wir bürden einem ganz normalen, fehlbaren Menschen eine Last auf, die niemand tragen kann.


Das ist der „Post-Disney-Kater“: Die schmerzhafte Erkenntnis, dass es unseren Horizont nicht erweitert, wenn wir einen Partner zum Mittelpunkt unseres Universums machen – es schrumpft ihn. Es entsteht eine Dynamik, in der persönliche Weiterentwicklung plötzlich als Bedrohung wahrgenommen wird. Denn wer sich verändert, gefährdet die vermeintliche „Vervollständigung“, an die wir uns so klammern.


Das Addams-Modell und die Souveränität des Selbst

Das Gegenmittel zum Mythos der „einen Seele in zwei Körpern“ ist nicht Distanz, sondern Souveränität. Eine gesunde Beziehung gleicht eher zwei eigenständigen Kreisen, die sich überschneiden. Es gibt eine Schnittmenge, aber eben auch Bereiche, die jedem für sich gehören.


Mein persönliches Vorbild für dieses Konzept sind Morticia und Gomez Addams aus dem Film von 1991. Was mich an ihnen fasziniert, ist eine psychologische Wahrheit: Sie sind extrem verbunden, ohne sich gegenseitig auszehren. Gomez erwartet von Morticia nicht, dass sie sich klein macht, um in sein Leben zu passen – er liebt gerade ihre Eigenständigkeit. Die beiden unterstützen sich gegenseitig dabei, den eigenen Leidenschaften nachzugehen, auch wenn sie diese nicht teilen. Gomez liebt Morticia nicht, um sie zu besitzen; er respektiert, dass es Teile ihrer Seele gibt, die allein ihr gehören.


Von romantischer Vergötterung zum Dorf-Modell

Doch selbst eine so starke Verbindung wie die der Addams überlebt auf Dauer nicht in Isolation. Um wirklich gesund zu bleiben, müssen wir weg von der „Vergötterung der Romantik“ – also der Idee, dass die Paarbeziehung das einzige Zentrum unseres Universums sein muss und sozusagen höher stehen soll als alle anderen Beziehungen. Das ist keine blosse Theorie, sondern eine psychologische Notwendigkeit.


Historisch gesehen war die Ehe nie als emotionaler Monolith gedacht, sondern als Teil eines grossen Netzwerks aus sozialen und wirtschaftlichen Bindungen. Wie Esther Perel es treffend beschreibt: Wir erwarten heute von einer einzigen Person das, was früher ein ganzes Dorf geleistet hat. Wir wollen Geborgenheit, Identität und Beständigkeit, aber gleichzeitig Abenteuer und spirituelle Erfüllung – und das alles von einem einzigen Menschen. Wir haben unser Gefühlsleben „privatisiert“, und die Last dieser Erwartung erdrückt viele Beziehungen.


Der Beziehungsforscher Eli Finkel nennt das die „Alles-oder-Nichts-Ehe“. Wir befinden uns auf einem „sauerstoffarmen Gipfel“, weil wir vom Partner unsere totale Selbstverwirklichung verlangen. Dabei zeigt die Forschung klar: Am stabilsten sind die Paare, die ihre emotionalen Bedürfnisse auf mehrere Schultern verteilen und einen Teil davon bewusst „auslagern“.


Indem wir unser „emotionales Portfolio“ diversifizieren, befreien wir unsere Partner von der unmöglichen Aufgabe, gleichzeitig unser Therapeut, bester Freund, Mit-Elternteil und spiritueller Guru zu sein. Wenn wir einer starken Gemeinschaft aus Freundschaften und Mentoren Priorität einräumen, nehmen wir unserem romantischen Partner nichts weg; wir bringen eine reguliertere, inspiriertere und „vollere“ Version unserer selbst zu ihm zurück.


Eine gesunde menschliche Seele braucht eine Konstellation von Beziehungen, um hell zu leuchten. Wir brauchen:


  • Die intellektuellen Sparringspartner: Jene, die unseren Geist scharf und neugierig halten.

  • Die Kreise gleicher Interessen: Die Freunde, die uns bei dem „Abenteuer“ begleiten, nach dem sich Arielle so sehnte.

  • Die spirituellen Wegbegleiter: Mentoren, die unsere Entwicklung leiten, wenn wir uns verloren fühlen.

  • Das „Sicherheitsnetz“: Das Dorf, das das Gewicht trägt, wenn unser romantischer Partner – als fehlbarer Mensch – eine Pause braucht.


Fazit: Die neue Liebe

Es ist an der Zeit, unser Bild von Liebe radikal zu erweitern. Wir müssen aufhören, die romantische, sexuelle Liebe als die einzig wahre oder wichtigste Beziehung unseres Lebens zu betrachten. Die wahre Romantik findet sich nicht in der Abblende ins Schwarze. Sie findet sich in der leisen, bewussten Entscheidung, an der Seite von jemandem zu stehen, während man fest im eigenen Boden verwurzelt bleibt – umgeben von seinen eigenen Leuten, seinen Freunden und seiner Community.


Es ist Zeit, das „Disney-Skript“ gegen etwas weitaus Magischeres einzutauschen, weil es real ist: eine Liebe, die dich nicht vervollständigt, sondern die dich erkennt. Eine Liebe, die nicht deine Leere füllt, sondern deine Weite respektiert. Wenn wir aufhören zu verlangen, dass Liebe unser „Alles“ sein muss, erlauben wir ihr endlich, das zu sein, was sie immer sein sollte: ein wunderschönes, lebensbereicherndes „Und“.


Wir sind bereits gut und vollständig, so wie wir sind. Und echte, tiefgründige Liebe kann sich in vielen Formen zeigen, das ist sogar gesund. Doch egal welche Form sie in unseren Beziehungen annimmt, sie sollte nie dazu dienen etwas zu „vervollständigen“ oder zu „reparieren“, denn wir müssen nicht repariert werden – wir müssen auf Augenhöhe begegnet werden. Denn am Ende geht es nicht darum, jemanden zu finden, ohne den man nicht leben kann, sondern jemanden zu finden, mit dem das bereits volle Leben noch ein Stück weiter und bunter wird.

 
 
 

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Ich bin Nicole – urban aus Überzeugung, mystisch von Natur aus. Ich liebe schwarze Katzen, guten Chai oder Matcha und Gespräche, die spät am Abend anfangen und mit plötzlichen Erleuchtungen enden. Irgendwo zwischen Excel-Tabellen und Zauberkarten habe ich meine Berufung gefunden: Menschen zu helfen, das Chaos, die Magie und selbst die Montage zu verstehen.

Dies hier ist mein Kessel – ein Ort, an dem modernes Leben auf moderne Mystik trifft, gewürzt mit Neugier, einer Prise Rebellion und einer ordentlichen Portion Herz. Mach es dir gemütlich, gönn dir etwas Warmes zu trinken, und lass uns gemeinsam entdecken, welche Magie sich in unserem Alltag versteckt.

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