Divine Beyond the Binary – Eine Ode an die queeren Gött:innen
- Nicole

- 20. Juli 2025
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 14. Sept. 2025
Queere, fluide und wilde Gottheiten, die uns den Spiegel vorhalten
Nicht jede:r findet sich in einer Kirche wieder. Manche finden sich in sich selbst. Oder in Loki, der Kinder gebiert. In Inari, der zwischen den Geschlechtern tanzt. In einer Göttin, die gleichzeitig Gott ist.
Ich hab früh gemerkt, dass die klassischen Götterbilder nicht für mich gemacht waren. Der bärtige Vater im Himmel war mir fremd. Die still leidende Muttergöttin auch. Was ich brauchte, war ein göttliches Spiegelbild, das Raum liess: für Widersprüche, für Ekstase, für Ambivalenz. Für Queerness. Für mich. Und vielleicht auch für dich.

Göttlich queer? Ja, schon immer.
Die Vorstellung, dass Götter männlich sind, sich in Hierarchien organisieren und Regeln durchsetzen, ist keine spirituelle Wahrheit – sondern ein Produkt von Macht, Kolonialismus und patriarchaler Kontrolle. In vielen alten Kulturen war Göttlichkeit etwas Weiches. Fliessendes. Schillerndes. Und queeres Leben war Teil des Spirituellen, nicht dessen Ausschluss. Göttliche Vielfalt war der Normalfall, nicht die Ausnahme. Was heute als „radikal“ oder „unkonventionell“ gilt, war früher: heilig.
Wenn Göttlichkeit wirklich allumfassend ist – warum dann so limitiert denken?
Ein Pantheon der Vielfalt
Wer sagt eigentlich, dass Götter sich für zwei Geschlechter entscheiden mussten?
In vielen Kulturen dieser Welt war das Göttliche nie nur männlich oder weiblich – es war beides. Oder weder noch. Oder alles gleichzeitig. Lange bevor queere Identitäten Worte fanden, waren sie schon heilig – in Mythen, Tempeln und Liedern. Diese Gottheiten tanzen nicht nur zwischen den Geschlechtern – sie explodieren alle Kategorien, die wir uns so mühsam zurechtgezimmert haben. Sie zeigen uns, dass Wandel göttlich ist. Ambivalenz eine Superkraft. Und dass Identität nicht erklärt, sondern verkörpert werden will.
Loki (nordisch-germanisch)
Gestaltwandler:in, Mutter (!) eines achtbeinigen Pferdes, Grenzüberschreiter:in zwischen Geschlechtern, Tierformen und Rollen. Loki entzieht sich jeder Norm – und feiert genau darin seine/ihre Macht.
Quelle:Snorri Sturluson, Gylfaginning (Teil der Prosa-Edda)Sekundär: Neil Price – The Children of Ash and Elm (2020), S. 316–319
Ardhanarishvara (hinduistisch)
Halb Shiva, halb Parvati – göttliche Balance in einem Körper. Diese Gestalt verkörpert die Idee, dass Göttlichkeit aus Dualität entsteht, nicht aus Trennung. Ardhanarishvara ist die mystische Hochzeit in einem einzigen Wesen.
Quellen: Shiva-Purana; Skanda-PuranaSekundär: Wendy Doniger – Hindu Myths (1975), sowie Darstellungen in der indischen Ikonografie
Inari Ōkami (shintoistisch, Japan)
Inari ist mal weiblich, mal männlich, mal geschlechtslos – je nach Region und Tempel. Als Gottheit der Fruchtbarkeit, Füchse und des Reises steht Inari für Wandel, Fruchtbarkeit und Tricksterenergie.
Quellen:Michael Ashkenazi – Handbook of Japanese Mythology (2003), S. 148–153Shintō-Quellen: Kojiki, Nihon Shoki
Dionysos (griechisch)
Gott des Weins, der Ekstase, des Theaters und der Verwandlung. Dionysos tanzt in Weiblichkeit und Männlichkeit gleichermassen, begleitet von queeren Gefährt:innen wie Satyrn und Maenaden. Er ist Rausch, Rebellion, Grenzüberschreitung.
Quellen: Euripides – Die BakchenOvid – Metamorphosen, Buch IIISekundär: Roberto Calasso – Die Hochzeit von Kadmos und Harmonia (1998)
Māhū (hawaiianisch-polynesisch)
In der hawaiianischen Kultur gelten Māhū als spirituell bedeutende Menschen jenseits des binären Geschlechtersystems. Traditionell werden sie als Heiler:innen, Lehrer:innen und Mittler:innen zwischen den Welten verehrt.
Quellen: Noenoe K. Silva – Aloha Betrayed: Native Hawaiian Resistance to American Colonialism (2004)Dokumentation: A Place in the Middle (PBS, 2015)Interviews und Vorträge von Hinaleimoana Wong-Kalu
Weitere Gottheiten zum Erkunden:
Hermaphroditos (Ovids Metamorphosen, Buch IV) – intergeschlechtlich, Symbol fluider Körperlichkeit
Shikhandi (Mahabharata) – transmaskuline Kriegerfigur
Bahuchara Mata (indischer Volksglaube) – Patronin der Hijra-Community, Göttin von Gendergrenzen
Mawu-Lisa (westafrikanisch) – duale Gottheit, Symbol für Gleichgewicht
Erzulie Dantor (Haitianischer Vodou) – kämpferische Loa, queer und schützend
Attis & die Galli (römisch) – Gendertransgression als kultische Praxis
Sekundärquellen:– Serena Nanda – Neither Man Nor Woman: The Hijras of India (1990)– Patrick Cheng – Radical Love: An Introduction to Queer Theology (2011)– David Halperin – One Hundred Years of Homosexuality (1990)– Claudine Michel – Aspects of Haitian Vodou (2006)
Warum wir mehr als Vater-Gott und Mutter-Erde brauchen
Gottheiten sind nicht nur mythologische Figuren – sie sind auch Spiegel. Und wenn du dich nie in einem Spiegel wiedererkennst, wirst du irgendwann glauben, dass du falsch bist. Für viele queere, nicht-binäre oder einfach unkonventionelle Menschen war Religion lange ein Ort des Ausschlusses. Dabei könnte sie das genaue Gegenteil sein: ein Raum für Tiefe, Magie, Verbindung. Ein Raum, in dem deine Identität nicht toleriert, sondern gefeiert wird.
Vielleicht ist Spiritualität nicht dazu da, dich zu erklären. Sondern dich zu entfalten.
Praktisch heilig: Wie du queere Gött:innen ehren kannst
Du brauchst keinen Tempel, um das Göttliche zu spüren. Nur die Erlaubnis, du selbst zu sein.
Spiritualität darf sich weich anfühlen. Und wild. Und queer. Und manchmal ganz und gar nicht erklärbar. Gerade queere Gött:innen fordern uns nicht auf, brav zu glauben – sondern frei zu fühlen. Sie wollen nicht angebetet, sondern eingeladen werden. Und genau darum geht es in einer modernen, queeren spirituellen Praxis: um Begegnung statt Ergebenheit. Um Resonanz statt Regeln. Hier sind ein paar Ideen, wie du queere, fluide oder nicht-binäre Gottheiten in deinen Alltag integrieren kannst – ohne Dogma, aber mit Seele:
1. Wähle eine göttliche Begleitung, die zu deinem Jetzt passt
Du musst nicht an eine allmächtige Instanz glauben. Aber du kannst dich mit einem göttlichen Archetyp verbinden, der dir gerade etwas spiegelt.
Fühlst du dich ausgeliefert, aber kreativ? – Vielleicht ist Dionysos dein Verbündeter.
Stehst du zwischen alten und neuen Rollen? – Dann ruft dich vielleicht Ardhanarishvara.
Spürst du Chaos und gleichzeitig Klarheit? – Loki weiss genau, wie sich das anfühlt.
Du darfst deine Gött:innen wechseln. Sie sind keine Chefs. Sie sind Spiegel.
2. Gestalte einen queeren Altar – wild, zart, mutig
Ein Altar muss kein Instagram-würdiger Hexentisch sein. Vielleicht ist es eine kleine Box mit Symbolen. Eine Ecke in deinem Bücherregal. Oder ein Post-it im Kalender mit dem Satz: Du bist heilig, wie du bist.
Du kannst z. B. nutzen:
Federn, Masken, Spiegel (für Wandel & Identität)
Zwei unterschiedlich gefärbte Kerzen (für Dualität und Einheit)
Kristalle wie Labradorit oder Fluorit (Verbindung zwischen Welten)
Kunst, Worte, Fundstücke – alles, was dich repräsentiert
Der beste Altar ist der, der dich morgens berührt, nicht der, der gefallen will.
3. Schreibe dein eigenes Gebet – ohne Regeln
Du musst nicht fromm klingen. Du darfst wild klingen. Zärtlich. Wütend. Verwirrt. Dein Gebet darf ein Gedicht sein, ein Tagebucheintrag, ein Rap, ein Flüstern in der U-Bahn.
Hier ein Beispiel:
Du, der keine Form kennt,die mich trotzdem hält.Du, der fliesst.Du, die kämpft.Du, die in mir atmet – danke, dass du bleibst,auch wenn ich mich verliere.
Sprich es laut. Oder flüstere es in dein Kopfkissen. Alles ist erlaubt.
4. Feiere Rituale der Selbstbestimmung
Rituale können queer sein. Sie dürfen gegen den Strom schwimmen. Probiere zum Beispiel:
Ein Coming-Home-Ritual statt eines Coming-Outs
Einen Neumond-Check-in mit deinem jüngeren Ich
Einen Jahreskreis, in dem du die Göttin bist
Einen Spaziergang, bei dem du eine Frage stellst – und die Stadt antworten lässt
Heiligkeit beginnt dort, wo du dir Raum gibst, zu sein.
5. Erlaube dir, spirituell zu sein – ohne dich zu rechtfertigen
Queere Menschen (und alle, die sich nicht in klassischen Normen wiederfinden) mussten sich oft zwischen Identität oder Spiritualität entscheiden. Zwischen der Kirche oder der Freiheit. Zwischen Glaube oder Selbstachtung. Aber du darfst beides sein.Du darfst gläubig sein und wütend.Magisch und modern.Verwundbar und kraftvoll.Du darfst glauben – auf deine Weise. Weil dein Glaube in dir beginnt, nicht in einem Buch.
Deine queere Spiritualität ist keine Phase. Sie ist ein Portal.
Du bist nicht falsch – du bist göttlich
Die Götter, die wir ehren, ehren auch uns.Und manchmal ist das Heiligste, das wir tun können, unsere eigene Wahrheit als Teil von etwas Grösserem zu feiern – nicht trotz, sondern wegen ihrer Unangepasstheit.
Vielleicht hast du noch nie an einen Gott geglaubt. Vielleicht war dein Weg mit Spiritualität ein einziger Kampf. Aber vielleicht – ganz vielleicht – wartet da draussen (oder in dir) eine Gottheit, die dich sieht. Die nicht urteilt. Die tanzt, lacht, weint, transformiert. Und sagt: Du bist genug. So wie du bist. Schon immer gewesen. Du musst keine Priester:innenweihe haben, um mit dem Göttlichen zu sprechen.Du musst nur atmen. Lauschen. Fühlen. Und vielleicht manchmal flüstern: Ich bin auch heilig. Und wild. Und genug. Vielleicht antwortet dann eine Stimme, aus der Tiefe deiner Seele.Oder aus einem Fuchsschatten.Oder aus dem Chaos selbst. Und sagt:„Ich bin du. Ich war schon immer du.“




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