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Als Ganzes geboren: Verantwortung, Balance und das heidnische Menschenbild

Es gibt eine Vorstellung, die tief in vielen natur‑ und erdverbundenen Traditionen verwurzelt ist – und die in einer Welt der ständigen Selbstoptimierung fast leise radikal wirkt: Wir werden als Ganzes geboren. Nicht perfekt. Nicht fertig. Aber ganz.


In heidnisch geprägten Weltbildern (natur-und erdverbundene Glaubensrichtungen) kommen Menschen nicht als sündig, gebrochen oder grundsätzlich fehlerhaft zur Welt. Wir treten ins Leben als Teil eines lebendigen Gefüges – Natur, Gemeinschaft, Ahnen, Ökosysteme – und gehören von Anfang an dazu. Unsere Aufgabe im Leben ist nicht, unsere Menschlichkeit zu überwinden oder uns selbst zu korrigieren, sondern zu lernen, im Gleichgewicht zu leben.

Unsere Hauptaufgabe im Leben ist es, im Gleichgewicht zu leben.

Damit steht dieses Menschenbild im klaren Gegensatz zu Glaubenssystemen, die menschliche Natur als defizitär begreifen und permanente Kontrolle, Disziplin oder Erlösung von aussen verlangen. In vielen erdbasierten Traditionen gilt ein anderer Ausgangspunkt: Das Leben selbst ist heilig, der Mensch ist Teil davon – und an die Stelle moralischer Beschämung tritt Verantwortung.



Als Ganzes geboren heisst nicht: frei von Fehlverhalten

Als Ganzes geboren zu sein bedeutet nicht, keinen Schaden anrichten zu können. Erdverbundene Traditionen sind darin erstaunlich klar: Menschen machen Fehler, handeln egoistisch, verletzen andere oder schaden der Umwelt. Doch diese Handlungen gelten nicht als Beweis einer „verdorbenen“ Natur, sondern als Ausdruck von Ungleichgewicht.


Die zentrale Frage lautet daher nicht: „Wie bestrafen wir falsches Verhalten?“ Sondern: „Wie stellen wir das Gleichgewicht wieder her?“ Diese Verschiebung ist entscheidend. Sie löst Moral aus starren Kategorien von Gut und Böse und versteht Ethik relational. Handlungen wirken nach aussen. Schaden stört Systeme. Und Wiederherstellung ist möglich – und notwendig.


Verantwortung statt Erlösung

In vielen paganen Denksystemen gibt es keine Vorstellung davon, von sich selbst „erlöst“ zu werden. Es gibt auch keinen spirituellen Kurzschluss, der Verantwortung umgeht. Wenn Schaden entsteht, muss er adressiert werden – nicht durch Beichte, Gehorsam oder Reinheitsfantasien, sondern durch konkretes verantwortungsvolles Handeln. Verantwortung ist dabei nicht gleichzusetzen mit Schuld oder Selbstbestrafung. Sie ist bodenständig, verkörpert und praktisch:


  • die Auswirkungen des eigenen Handelns anerkennen

  • Wiedergutmachung leisten, wo es möglich ist

  • aus der entstandenen Störung lernen

  • das eigene Verhalten so verändern, dass weiterer Schaden vermieden wird


Es geht hier also nicht um moralische Reinheit, sondern mehr um Ausgleich. Dieses Verständnis spiegelt wider, wie Natur selbst funktioniert. Wenn ein Ökosystem gestört wird, kehrt Balance nicht durch Beschämung zurück, sondern durch Anpassung, Regeneration und Zeit.


Balance ist eine kollektive Praxis

Ein weiterer zentraler Unterschied zu stark individualistischen Moralsystemen: Gleichgewicht ist selten ein Solo‑Projekt. In naturverbundenen Weltbildern sind Menschen eingebettet in Beziehungen – zu Gemeinschaften, Ahnen, zur Erde, zu mehr‑als‑menschlichen Wesen. Wenn eine Person das Gleichgewicht stört, sind die Auswirkungen geteilt (denn alles ist miteinander verbunden und beinflusst einander gegenseitig). Und ebenso die Verantwortung für Wiederherstellung.


Das hebt individuelle Verantwortung nicht auf. Es verortet sie. Heilung geschieht häufig über gemeinschaftliche Rituale, restorative Praktiken, Erzählen, Erinnern und gemeinsames Reflektieren. Diese Formen sind nicht bloss symbolisch – sie sind soziale Reparaturmechanismen, lange bevor moderne Psychologie ihnen eine Fachsprache gegeben hat.


Ethik ohne Perfektionismus

Als Ganzes geboren zu sein heisst in diesem Sinne auch, Komplexität aushalten zu dürfen. Heidnische geprägte Ethik lässt Widersprüche, Entwicklung und Zyklen zu. Man kann integer handeln und dennoch scheitern. Macht besitzen und dennoch verantwortlich sein. Lernen, ohne die eigene Vergangenheit 'auslöschen' zu müssen.


Das steht im leisen Widerstand zu Kulturen, die permanente moralische Selbstkontrolle verlangen – besonders von Frauen und marginalisierten Gruppen – und gleichzeitig kaum Raum für echte Wiedergutmachung lassen.


An die Stelle der Frage „Bin ich gut?“ treten andere:


  • Handelt ich im Einklang?

  • Wo habe ich Ungleichgewicht erzeugt?

  • Was braucht es jetzt, um Balance wiederherzustellen?


Das sind keine fixen Regeln, sondern lebendige Fragen, die direkt aufs aktuelle Leben übertragen werden können.


Warum dieses Menschenbild heute relevant ist

In Zeiten von Klimakrise, gesellschaftlicher Fragmentierung und spirituellem Bypassing bietet die Vorstellung, als Ganzes geboren zu sein, eine geerdete Alternative.

Verantwortung ist keine Unterdrückung, sondern Beziehung.

Sie erinnert daran, dass Verantwortung keine Unterdrückung ist, sondern Beziehung. Dass Verantwortlichkeit unsere Menschlichkeit nicht schmälert, sondern bestätigt. Und dass ethische Systeme, die auf Balance statt auf Angst beruhen, vielleicht zu den nachhaltigsten gehören, die wir haben. Als Ganzes geboren zu sein bedeutet nicht, frei von Konsequenzen zu sein. Im Gegebtel: Es bedeutet, uns die Arbeit der Wiederherstellung zuzutrauen.


Und genau darin liegt – leise, aber kraftvoll – echte Stärke.

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Hallo, danke fürs Vorbeischauen!

Ich bin Nicole – urban aus Überzeugung, mystisch von Natur aus. Ich liebe schwarze Katzen, guten Chai oder Matcha und Gespräche, die spät am Abend anfangen und mit plötzlichen Erleuchtungen enden. Irgendwo zwischen Excel-Tabellen und Zauberkarten habe ich meine Berufung gefunden: Menschen zu helfen, das Chaos, die Magie und selbst die Montage zu verstehen.

Dies hier ist mein Kessel – ein Ort, an dem modernes Leben auf moderne Mystik trifft, gewürzt mit Neugier, einer Prise Rebellion und einer ordentlichen Portion Herz. Mach es dir gemütlich, gönn dir etwas Warmes zu trinken, und lass uns gemeinsam entdecken, welche Magie sich in unserem Alltag versteckt.

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