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Das Frühjahr: Schwellenraum zwischen innerer Neuordnung und äusserem Wachstum


In vorangehenden Artikeln haben wir bereits über Neuanfänge gesprochen – und darüber, dass ein „Jahresbeginn“ längst nicht in allen Kulturen (und auch nicht für alle Menschen heute) mit dem 1. Januar zusammenfällt. Zeit wird nicht überall gleich erlebt. Und Wandel folgt selten einem linearen Kalender.


Ich persönlich habe ein eher ambivalentes Verhältnis zum Thema Neubeginn. Für mich ist er kein klarer Schnitt, kein symbolischer Reset-Knopf, sondern ein Prozess in mehreren Stufen. Das Jahr beginnt für mich nicht mit Licht, sondern mit dem Abstieg – mit Samhain, dem Übergang in die dunkle Zeit Ende Oktober, Anfang November.


Da ich naturverbunden lebe, fühlt sich dieser Neubeginn nie wie ein festes Datum an. Und oft nicht einmal wie eine klar definierte Mondphase. Er beginnt dann, wenn etwas kippt. Wenn die Stimmung sich verändert. Wenn die Welt leiser wird und dieses ganz besondere Gefühl einsetzt: Rückzug. Verdichtung. Innere Sammlung.


Doch nach diesem Beginn blüht nicht sofort alles auf. Im Gegenteil. Der Anfang ist still. Er ist geprägt von Selbstreflexion, Schattenarbeit, dem ehrlichen Hinsehen nach innen. Diese Phase trägt mich durch die dunklen Monate – bis etwa Ende Januar, Anfang Februar, rund um das Jahreskreisfest Imbolc.

Mit Imbolc zeigen sich die ersten leisen Zeichen von Bewegung. Schneeglöckchen, Krokusse – noch vorsichtig, noch zart. Das Neue wird sichtbar, ohne sich aufzudrängen. Und genau hier beginnt für mich jener Teil des Jahres, in dem das Leben langsam wieder nach aussen drängt.


Was zuvor innerlich geordnet, hinterfragt und neu ausgerichtet wurde, sucht nun Ausdruck in der Welt. Schritt für Schritt. Bis dieser Prozess fliessend in die helle Jahreshälfte übergeht – über die Tagundnachtgleiche um den 21. März hinweg, weiter in Richtung Beltane. Wachstum wird spürbar. Energie richtet sich nach vorne. Und das, was im Dunkeln gereift ist, darf nach und nach erblühen.

Das Frühjahr ist damit kein abruptes Erwachen, sondern ein Schwellenraum: zwischen innerer Neuordnung und äusserem Wachstum. Zwischen dem, was war, und dem, was werden will.


Vielleicht ist der Januar weniger der Moment für Aufbruch, als wir ihn uns gerne erzählen.


Während Kalender, Werbebotschaften und gute Vorsätze suggerieren, jetzt müsse alles neu, klar und voller Energie beginnen, liegt die Natur noch unter der Oberfläche. Die Erde ist kalt. Die Tage sind kurz. Wachstum findet nicht sichtbar statt – und doch geschieht Entscheidendes im Verborgenen.


Der Januar gleicht eher einem Winterboden: scheinbar leer, still, zurückgezogen. Doch genau hier sammelt sich Kraft. Nährstoffe verdichten sich. Wurzeln regenerieren sich. Vorbereitung geschieht nicht durch Aktivität, sondern durch Ruhe.


Auch unsere Körper sind zu dieser Zeit oft noch müde. Sie tanken. Sie verarbeiten. Sie passen sich an Dunkelheit und Kälte an. Nicht, weil wir zu wenig Disziplin hätten oder „noch nicht weit genug“ wären – sondern weil wir zyklisch und biologisch funktionieren.


Vielleicht liegt genau darin ein Missverständnis unserer Zeit: dass Neubeginn laut, sichtbar und sofort produktiv sein müsse. Dass innere Prozesse keinen Wert haben, solange sie noch nicht nach aussen tragen.


Doch das Frühjahr erinnert uns an etwas anderes.Dass Wachstum Zeit braucht.Dass nicht alles gleichzeitig bereit ist.Und dass das, was später erblüht, fast immer dort beginnt, wo es zunächst still bleibt.


Das Frühjahr ist kein Startschuss. Es ist ein Schwellenraum.Zwischen innerer Neuordnung und äusserem Wachstum. Und vielleicht beginnt das Neue genau dort, wo wir aufhören, uns zu beeilen.

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Ich bin Nicole – urban aus Überzeugung, mystisch von Natur aus. Ich liebe schwarze Katzen, guten Chai oder Matcha und Gespräche, die spät am Abend anfangen und mit plötzlichen Erleuchtungen enden. Irgendwo zwischen Excel-Tabellen und Zauberkarten habe ich meine Berufung gefunden: Menschen zu helfen, das Chaos, die Magie und selbst die Montage zu verstehen.

Dies hier ist mein Kessel – ein Ort, an dem modernes Leben auf moderne Mystik trifft, gewürzt mit Neugier, einer Prise Rebellion und einer ordentlichen Portion Herz. Mach es dir gemütlich, gönn dir etwas Warmes zu trinken, und lass uns gemeinsam entdecken, welche Magie sich in unserem Alltag versteckt.

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