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Bist du eine christliche Hexe? Dann willkommen im Zirkel

  • Autorenbild: Nicole
    Nicole
  • 3. Nov. 2025
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 5. Nov. 2025

Mit Allerseelen — auch bekannt als All Saints’ Day — gerade hinter uns, kam mir ein interessanter Gedanke. An dieser Jahreszeit, wenn sich der Schleier zwischen den Welten während Samhain (Halloween oder All Hallows’ Eve) lichtet, wird die Aufmerksamkeit auf das Zusammenspiel von Alt und Neu, Heidnisch und Christlich gelenkt. Es ist ein liminaler Raum — ein Moment, um über Zyklen, Ahnen und die heiligen Geheimnisse nachzudenken, die sowohl im Schatten als auch im Licht wohnen.


Dabei fiel mir auf: Viele glauben, dass Christentum und Hexerei nicht nebeneinander existieren können. Dass man sich für einen Weg entscheiden und den anderen ablehnen müsse – als wäre es ein Entweder-oder. Für diejenigen von uns, die allerdings als christliche Hexen durch den Alltag gehen,  war diese vermeintliche Gegensätzlichkeit jedoch nie real. Du kannst Heilige ehren und Kerzen zu Maria anzünden und gleichzeitig einen Kreis bei Neumond ziehen. Beides kann co-existieren — so wie es übrigens seit Generationen, der Fall ist.


Spiritualiät war noch nie eine gerade Linie. Sie ist ein gewebtes Tuch, aus Fäden von Glaube, Intuition, Ahnen und gelebter Erfahrung. Und wenn dein Gewebe sowohl Kreuze als auch Kerzen, Psalmen und Sigillen enthält — das ist keine Verwirrung. Das ist Kohärenz. Ein lebendiger Dialog zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen, dem Heiligen und dem Selbst.


Für einige von uns hat dieser Dialog schon immer sowohl Christentum als auch Hexerei umfasst. Christliche Hexen sind kein neues Phänomen. Wir waren schon da — haben still Gebet und Zauberei, Rosenkränze und Mondrituale, Schrift und Kerzenlicht über Generationen hinweg verbunden. Neu ist hingegen das zunehmende Stimmengewirr, das darauf besteht, dass Spiritualität eine Entweder-oder-Wahl sein müsse. Dass man nicht mit Jesus gehen und gleichzeitig mit Kräutern arbeiten könne. Dass Kirche und Kreis nicht dieselbe Seele teilen könnten.

Aber hier ist die Wahrheit: Sie haben es schon immer getan.

Lange bevor Labels Christen und Heiden trennten, lebten Menschen selbstverständlich in einer Welt, in der sich das Heilige und das Magische durchdrangen. Christliche Mystiker:innen, Heiler:innen und Weise praktizierten beides: Sie beteten zu Gott, während sie den Kranken Segen zuflüsterten, riefen Heilige an und achteten zugleich auf die Geister des Landes. Die Grenze zwischen „Wunder“ und „Magie“ war nie so klar, wie die Geschichtsschreibung es später zeichnete.


Diese Durchmischung war kein Zufall, sondern Ausdruck eines tieferen menschlichen Bedürfnisses: dem Wunsch, das Göttliche zu berühren – nicht nur durch Worte und Glauben, sondern durch Handlung, durch Rituale, durch die bewusste Mitgestaltung des Lebens. Ob Gebet oder Zauber, ob Altar oder Haussegen – beides entspringt demselben uralten Impuls: aktiv an der Schöpfung teilzunehmen, statt nur Zeuge zu sein.



Die alpine Kunst, Glauben und Folklore zu verbinden

Durch die Christianisierung Europas sind die alten Glaubenssysteme und Bräuche also nicht einfach verschwunden. Um den "Europäer:innen" den damals „neuen“ Gott schmackhaft zu machen, wurden zentrale heidnische Feste, Rituale und Bräuche schlicht verchristlicht – und so haben viele dieser uralten Traditionen bis heute unter kirchlichem Deckmantel überlebt.Ein paar Beispiele aus meiner Heimat: In den Schweizer Alpen existieren Christentum und ältere, erdverbundene Praktiken seit Jahrhunderten nebeneinander — manchmal in Spannung, oft in Harmonie. Viele lokale Traditionen zeugen noch heute von diesem schönen Zwischenraum:


  • Chalandamarz (am 1. März in Graubünden gefeiert): Dorfbewohner:innen, vor allem Kinder, läuten Glocken und knallen Peitschen, um Wintergeister zu vertreiben und den Frühling willkommen zu heissen. Offiziell mit dem christlichen Kalender verbunden, wurzelt es doch in heidnischen Fruchtbarkeits- und Reinigungsriten.


  • Klausjagen in Küssnacht (am Vorabend des Nikolaustages): Ein Umzug durch die Strassen mit Fackeln, Hörnern und riesigen Papiermitren. Heute dem Nikolaus zugeordnet, stammen die Riten aus älteren Traditionen zum Vertreiben von Dunkelheit und zur Einleitung von Erneuerung.


  • Betruf, der alpine Gebetsruf, noch in Teilen der Zentralschweiz praktiziert: Bei Dämmerung stehen Hirten auf den Weiden und sprechen Segensworte zu Gott, Maria und den Heiligen, um Vieh und Menschen zu schützen — und rufen gleichzeitig die Berge, Winde und Geister des Landes an. Christliche Andacht und animistisches Naturbewusstsein verschmelzen hier auf wunderbare Weise.


Nicht zu vergessen die Traditionen rund um Weihnachten und Ostern oder Allerheiligen, viele stammen aus vorchristlicher Zeit und wurden in eine christliche Weltsicht integriert. Diese Traditionen zeigen: Die Verbindung spiritueller Wege ist kein Akt der Rebellion — sie ist Erbe. Unsere Ahnen zogen keine harten Grenzen zwischen dem Heiligen und dem Magischen. Sie lebten nahe an der Erde, und ihr Glaube spiegelte diese Intimität mit Leben, Wetter und Geist wider.


Warum fürchten Menschen duale Glaubenswege?

Historisch versuchten Institutionen, komplexe menschliche Erfahrungen in klare Hierarchien zu vereinfachen: heilig vs. ketzerisch, sakral vs. profan. Doch so funktioniert die Seele nicht. Spiritualität ist fliessend — und wenn sie wirklich frei von Dogma und Machtstreben ist, entwickelt sie sich mit uns.


Wenn wir einen dualen oder gemischten Weg beschreiten, tun wir etwas psychologisch Integratives. Wir erkennen an, dass Glaube und Intuition, Vernunft und Ritual, Struktur und Freiheit nebeneinander existieren können. Diese Integration ist tatsächlich gesund. Sie erlaubt es uns, in Tradition verwurzelt zu bleiben und gleichzeitig das moderne Leben anzupassen — etwas, das unsere Nerven und Psyche dringend brauchen. In einer oft geteilten, fragmentierten und entfremdeten Welt ist die Fähigkeit, mehrere Wahrheiten gleichzeitig zu halten, eine Form spiritueller Resilienz.


Du brauchst niemandes Erlaubnis, um dazuzugehören

Es wird immer Stimmen geben — aus Kirche und okkulten Kreisen — die sagen: Du kannst nicht beides sein. Du musst dich entscheiden.Doch genau diese Stimmen fürchten Nuancen. Sie fürchten Freiheit. Und oft auch die Verantwortung, selbst zu denken, selbst zu fühlen, selbst zu wählen.


Die Schönheit moderner Hexerei liegt in der Autonomie — im Recht, deinen eigenen spirituellen Weg zu definieren.Du brauchst keine Erlaubnis, um dich mit dem Göttlichen zu verbinden. Keine Institution, die dich segnet oder legitimiert.Du musst dich nicht zwischen Gebet und Zauberei entscheiden — du darfst das Heilige in beidem finden.


Und ja, manche werden sagen, du würdest dich dadurch von Gott entfremden, nur weil du deinen Glauben auf deine Weise lebst.Denn Zugehörigkeit ist ein tiefes menschliches Bedürfnis, nicht wahr?Und dein eigener Weg kann manchmal einsam wirken. Doch das ist eine Illusion.Wir sind alle verbunden — auch dann, wenn unsere Pfade unterschiedlich verlaufen.


An alle christlichen Hexen da draußen — an jene, die Gott im Sonnenaufgang finden und Magie in den Psalmen spüren: Willkommen im Coven.Ihr gehört hierher.


Ihr brecht keine Grenzen. Ihr heilt sie. Ihr steht in einer uralten Linie der Verbindung — von Bergtälern und mondbeschienenen Kapellen bis zu den Kreuzungen der modernen Welt.Denn wahre Magie geschieht genau dann, wenn wir aufhören, anderen zu erlauben, uns vorzuschreiben, wie wir das Göttliche erfahren dürfen — und beginnen, dem heiligen Funken in uns selbst zuzuhören.


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Hinweis der Autorin

Wenn ihr schon länger „The Urban Mystic“ lest, seid ihr sicherlich auch auf Artikel gestossen, die die christliche Institution hinterfragen oder kritisieren. Ein wichtiger Punkt: Wenn ich kritisch über das Christentum schreibe, hinterfrage ich die Institution, nicht den Glauben selbst. Meine Reflexion richtet sich gegen Matchstrukturen, die über Jahrhunderte Angst, Schuld und Hierarchie eingesetzt haben, um Gläubige zu kontrollieren und ihre spirituelle Autonomie zu unterdrücken. Meine Worte sind also nie ein Aufbegehren gegen den Glauben — sie sind eine Rückeroberung desselben. Was ich ablehne, sind die auf Angst basierenden Systeme, die uns lehrten, unser Licht im Namen des Gehorsams zu dimmen.

Kommentare


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Hallo, danke fürs Vorbeischauen!

Ich bin Nicole – urban aus Überzeugung, mystisch von Natur aus. Ich liebe schwarze Katzen, guten Chai oder Matcha und Gespräche, die spät am Abend anfangen und mit plötzlichen Erleuchtungen enden. Irgendwo zwischen Excel-Tabellen und Zauberkarten habe ich meine Berufung gefunden: Menschen zu helfen, das Chaos, die Magie und selbst die Montage zu verstehen.

Dies hier ist mein Kessel – ein Ort, an dem modernes Leben auf moderne Mystik trifft, gewürzt mit Neugier, einer Prise Rebellion und einer ordentlichen Portion Herz. Mach es dir gemütlich, gönn dir etwas Warmes zu trinken, und lass uns gemeinsam entdecken, welche Magie sich in unserem Alltag versteckt.

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