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Schweizer Fasnacht: Von Heidnischen Winterfesten zu Modernen Übergangsritualen

  • vor 3 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

Ich weiss, ich weiss — ich bin spät dran. Der Karneval, oder Fasnacht, wie wir ihn in der deutschsprachigen Schweiz nennen, ist längst im Gange. Trotzdem, da es sich um ein Fest mit tiefen heidnischen Wurzeln handelt, musste ich natürlich darüber schreiben. Heutzutage hat sich der Karneval stark verändert. Die Feierlichkeiten sind moderner geworden, und hier in der Schweiz kann sogar von Stadt zu Stadt unterschiedlich gefeiert werden.


Chesslette und Lätschete: Eine Woche voller Lärm, Geisterjagd und Abschied vom Winter

In der Region, in der ich aufgewachsen bin, entfaltet sich unsere Fasnacht über eine Woche voller rituellen Lärms, Masken und symbolischer Auseinandersetzung mit den Geistern, die der Winter noch zurückgelassen hat. Zwei der markantesten Traditionen in diesem Zyklus sind Chesslette und Lätschete — jeweils ein Ritual, das Altes freisetzt und Platz für Neues schafft.


Der Karneval beginnt bei uns nicht mit Konfetti, sondern mit Klang. Früh am Morgen ziehen die Dorfbewohner:innen mit Kochutensilien — Löffeln, Deckeln, Töpfen, Pfannen — manchmal auch mit selbstgemachten Rasseln oder Holzklappern auf die Strassen. Das ist die Chesslette. Traditionell stehen die Menschen vor Tagesanbruch auf und schlagen lautstark auf ihre Metall- und Holzgeräte, sodass ein Lärm entsteht, der durch Gassen und Höfe hallt. Der Zweck ist einfach und uralt: Lärm machen, um die Welt zu wecken und die Geister und kalten Schatten des Winters zu vertreiben.


In vorindustrieller Zeit glaubte man, dass Klang Macht hat. Glocken läuteten, um böse Geister zu vertreiben, Trommeln riefen die Jahreszeiten, und Schreien in die kalte Luft störte die Stagnation. Die Tradition der Chesslette trägt diesen Impuls weiter — ein gemeinschaftliches Austreiben gegen Kälte, Schlaf und Winterschlaf. Haus für Haus, Hof für Hof steigt der Lärm, bis das Dorf selbst scheint, den Winterschlaf abzuschütteln. Jung und Alt machen mit, lachen, rufen, hallen über die Felder und wecken die Erde.


Sobald die Chesslette die Woche eröffnet hat, geht der Lärm weiter. Kostüme und Masken tauchen in den folgenden Tagen immer wieder auf — laute Hörner, Glocken, ausgelassenes Lachen und lebendige Umzüge füllen die Strassen. In diesem Zeitraum zwischen Chesslette und Lätschete erfüllen Verkleidungen und Geräusche die gleiche symbolische Funktion wie die alten heidnischen Riten der Alpen: die Reste des Winters zu konfrontieren und zu vertreiben, das Alltägliche zu erschüttern und das Alte loszulassen, bevor das Neue eintreten kann.


Dann kommt die Lätschete: das symbolische Endziel unserer lokalen Fasnacht. Am Höhepunkt der Woche trifft der „Prinz des Karnevals“ — eine Figur, die den alten Wintergeist repräsentiert — sein Ende. Er wird rituell verbrannt, und seine Asche oder Überreste werden auf dem Rhein ausgesetzt. In diesem Akt wird der Winter nicht nur aus dem Dorf vertrieben; er wird in den Fluss zurückgegeben, weg vom Heim und Herd getragen. Mit diesem Verbrennen und dem Loslassen ins Wasser schliesst sich der Zyklus — Geister werden freigesetzt, der Wintergeist aufgelöst und das Erwachen des Frühlings willkommen geheissen.


Diese Abfolge — von Chesslette zu Lätschete — ist mehr als blosses Spektakel. Sie ist ein ritueller Bogen, der die sich drehenden Jahreszeiten und die psychologischen Zyklen in uns widerspiegelt: Erwachen, Konfrontation, Loslassen. Der Lärm der Chesslette weckt uns auf; die Masken der Woche erinnern uns an das, was wir verbergen und enthalten; und das Verbrennen des Lätschete-Prinzen erlaubt uns, Abschied zu nehmen von dem, was zu Ende gegangen ist.


Eine der ältesten und am besten „bewahrten“ Traditionen des Schweizer Karnevals findet sich jedoch im Wallis: die sogenannten Tschäggättä. Diese Tradition werden wir uns noch genauer ansehen, doch zunächst tauchen wir ein in die alten Wurzeln der Fasnacht.


Die alten Wurzeln der Fasnacht: Ein Ritual, um den Winter zu vertreiben

Lange bevor wir Instagram-Filter und Festwagen hatten, wurden die Rhythmen des Lebens von den Zyklen der Natur bestimmt — und Fasnacht war eine der ältesten Möglichkeiten, wie Menschen den Übergang von Dunkelheit zu Licht markierten. Das Fest liegt in den Wochen vor der Fastenzeit, einer vorchristlichen und vormodernen Zeit der Vorbereitung auf den Frühling. In vielen Alpenregionen nutzten die Menschen Masken, Lärm, Feuer, Glocken und Verkleidungen, um die letzten Geister des Winters zu vertreiben und Raum für neues Leben und Fülle zu schaffen.


Während das Wort „Karneval“ selbst aus dem lateinischen Ausdruck „carnem levare“ stammt und „Abschied vom Fleisch“ bedeutet und mit dem christlichen Kalender verbunden ist, haben die Fasnacht-/Fasnet-Traditionen in alemannischen Regionen wie der Schweiz noch tiefere Schichten, die mit alten Jahreszeitenriten, Fruchtbarkeitssymbolik und gemeinschaftlicher Katharsis verbunden sind. In verschiedenen Regionen nehmen diese Riten unterschiedliche Formen an: laute Musik und Trommeln, um Wintergeister zu erschrecken, prächtige Festwagen zur sozialen Satire, symbolische Verbrennungen von Winterfiguren zur Markierung von Tod und Wiedergeburt.


Die Tschäggättä – Gesichter des wilden Wintergeistes

Nirgends ist dieser ursprüngliche Geist lebendiger als im hoch gelegenen Lötschental im Kanton Wallis. Hier sind die Tschäggättä die Markenzeichen des Karnevals: wild, furchteinflössend und unvergesslich. Man findet sie nicht auf glatten Postkarten — es sind geschnitzte Holzmasken mit übertriebenen, oft grotesken Zügen, eingebettet in Mäntel aus Schaf- oder Ziegenfell, mit grossen Kuhglocken an der Taille.


Die Tradition reicht über Generationen zurück, verwurzelt in der isolierten Geschichte des Tals und seinen alten Jahreszeitenriten. Ursprünglich zogen diese Figuren während der Fasnacht durch die Gassen, um die letzten Wintergeister aus den Häusern zu vertreiben. Im 18.–19. Jahrhundert war der Brauch mit jungen, unverheirateten Männern verbunden — eine Art wildes Balzritual gemischt mit Volksglauben über Geister und Jahreszeitenwechsel. Heute, obwohl die Tradition sich verändert und erweitert hat (mit Frauen, Kindern und ganzen Gemeinschaften), verkörpern die Tschäggättä immer noch eine ursprüngliche, schwellenhafte Energie — den Raum zwischen dem Ende des Winters und dem Beginn des Frühlings.


Aus der Nähe betrachtet geht es bei ihren Bewegungen nicht nur um Angst — sie repräsentieren eine Begegnung mit dem „wilden Selbst“, jenem Teil von uns, der roh, unbewusst und ungezähmt von den Masken des Alltags ist. Sie erinnern uns daran, dass Angst, Schatten und Transformation Teil desselben Zyklus sind, der neues Leben hervorbringt.


Ritual als Metapher: Was uns die Fasnacht heute lehrt

In unserem modernen, schnelllebigen Leben sind Rituale wie die Fasnacht immer noch bedeutsam — auch wenn wir heute keine Winterprinzen mehr verbrennen oder mit Kuhglocken durch Dörfer ziehen. Sie sprechen eine innere Wahrheit an, die unverändert bleibt: Wir brauchen Übergangsräume — Rituale, die uns helfen, Abschiede zu markieren, Schatten zu konfrontieren und bewusst in neue Anfänge zu treten.


Im christlichen Kalender führt die Fasnacht in die Fastenzeit, eine Zeit der Reflexion und des Loslassens vor Ostern. Die heidnischen Vorfahren spürten eine ähnliche Notwendigkeit: Bevor gesät und gewachsen werden kann, muss geräumt werden. Vor Freude muss losgelassen werden. Vor dem Frühling muss der letzte Widerhall der Wildheit des Winters erklingen.


Moderne Feierlichkeiten — von den eleganten Umzügen in Basel (Basler Fasnacht) bis zu den wilden Nächten der Tschäggättä — tragen diesen alten Impuls weiter. Sie lassen uns lachen, singen, uns verkleiden, spielen und für kurze Zeit jemand anderes sein. Sie erinnern uns daran, dass unter den Routinen des Alltags etwas Tieferes regt — ein Zyklus von Tod und Wiedergeburt, der jedes Jahr zurückkehrt und in jedem von uns lebt.


Und was, wenn du den Umzug verpasst hast?


Du kannst den Geist der Fasnacht trotzdem ehren:


  • Lass ein Symbol dessen los, was du hinter dir lassen willst — schreibe es auf und verbrenne es (sicher und achtsam).

  • Trage eine Maske für eine Nacht — nicht um dich zu verstecken, sondern um Teile von dir zu erforschen, die sonst verborgen bleiben.

  • Mach Lärm — Trommeln, Glocken, Singen, Rufen in die freie Luft — um Stagnation abzuschütteln.

  • Versammle dich in Gemeinschaft — feiern, tanzen und den Jahreslauf zelebrieren.


Am Ende ist Fasnacht mehr als Konfetti und Kostüme — sie erinnert uns daran, dass Transformation nicht ordentlich ist. Sie ist laut, seltsam, verspielt und manchmal ein wenig furchteinflössend. Und doch kommt aus dieser wilden Schwelle zwischen dem, was war, und dem, was sein wird, immer der Frühling.

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Ich bin Nicole – urban aus Überzeugung, mystisch von Natur aus. Ich liebe schwarze Katzen, guten Chai oder Matcha und Gespräche, die spät am Abend anfangen und mit plötzlichen Erleuchtungen enden. Irgendwo zwischen Excel-Tabellen und Zauberkarten habe ich meine Berufung gefunden: Menschen zu helfen, das Chaos, die Magie und selbst die Montage zu verstehen.

Dies hier ist mein Kessel – ein Ort, an dem modernes Leben auf moderne Mystik trifft, gewürzt mit Neugier, einer Prise Rebellion und einer ordentlichen Portion Herz. Mach es dir gemütlich, gönn dir etwas Warmes zu trinken, und lass uns gemeinsam entdecken, welche Magie sich in unserem Alltag versteckt.

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