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Die Heilige Sie: Wie die Kirche das Göttlich-Weibliche zum Schweigen brachte

  • Autorenbild: Nicole
    Nicole
  • 14. Juni 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 9. Nov. 2025

Von verehrt zu verteufelt

Lange bevor die christliche Trinität das spirituelle Narrativ dominierte, existierten Kulturen, in denen das Göttliche auch weiblich gedacht wurde – zyklisch, lebensspendend und schöpferisch. Göttinnen wie Inanna, Isis, Brigid oder Artemis verkörperten Macht über Geburt, Sexualität, Weisheit und Natur. Mit der Ausbreitung des Christentums kam es jedoch zu Veränderungen:Das Patriarchat betrat die Bühne im religiösen Kontext und die Gschichte wurde umgeschrieben. Und so wurden viele dieser weiblichen Gottheiten assimiliert, ihre ursprüngliche Bedeutung reduziert oder negativ dargestellt.



Die misogynen Umbauten der Spiritualität

Sagen wir es offen: Die patriarchalisch dominierte, christliche Institution hatte lange ein Problem mit Frauen (und das bis heute zu einem gewissen Grad, wie es scheint). Der Gründungsmythos lehrt, dass eine Frau (Eva) den Sündenfall verursachte, und der einzige Weg zur Erlösung besteht in Gehorsam, Jungfräulichkeit oder Mutterschaft – nie in Macht.


Kirchenväter wie Tertullian, Augustinus und Thomas von Aquin machten es besonders deutlich:


  • Tertullian nannte Frauen das „Tor des Teufels“.

  • Augustinus lehrte, weibliche Sexualität sei die Wurzel der Erbsünde.

  • Thomas von Aquin behauptete, Frauen seien „missratene Männer“.


Kein Wunder, dass Frauen vom Priesteramt ausgeschlossen, aus Entscheidungsprozessen herausgehalten und darauf konditioniert wurden, zu einem männlichen Gott, männlichen Priestern und einem männlichen Erlöser aufzuschauen.


Zwischen Glauben und Institution: Eine omnistische Perspektive

Mit einer omnistischen Weltsicht sehe ich grundsätzlich keinen Widerspruch zum christlichen Glauben. Viele Werte wie Nächstenliebe, Gerechtigkeit oder die Zehn Gebote sind universell und in vielen spirituellen Traditionen präsent.


Und obwohl ich mit einer omnistischen Weltsich grundsätzlich keinen Widerstpruch zum christlichen Glauben sehe  – denn viele Werte wie Nächstenliebe, Gerechtigkeit oder die Zehn Gebote sind universell und in vielen spirituellen Traditionen präsent  – wird es dennoch problematisch, wenn Religion starr institutionalisiert wird. Und genau das ist leider bis heute der Fall, denn die Struktur der römisch-katholischen Kirche hält historisch nach wie vor an patriarchalen Mustern fest. Dies zeigt sich besonders in der Ungleichbehandlung von Frauen:


  • Frauen dürfen bis heute keine Priesterinnen oder Bischöfinnen werden.

  • Papst Johannes Paul II. bestätigte dies 1994 in der Ordinatio Sacerdotalis, und Katechismus sowie Kirchenrecht (Canon 1024) bestimmen, dass „nur getaufte Männer ordiniert werden können“.

  • Frauen werden häufig auf Rollen wie Gehorsam, Jungfräulichkeit oder Mutterschaft beschränkt, während aktive Machtpositionen Männern vorbehalten bleiben.


Die Kritik richtet sich nicht gegen Gläubige, sondern gegen institutionelle Strukturen, die spirituelle Führungsrollen und die Repräsentation des Göttlich-Weiblichen einschränken. Ziel ist es, Räume für Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und die Mitgestaltung spiritueller Praxis zu öffnen.


Von Göttin zu Heiligen und Dämonisierung des Weiblichen

Auch das Göttlich-Weibliche wurde im Verlauf der kirchlichen Geschichte transformiert. Eine der Strategien bestand darin, populäre Göttinnen in Heilige zu überführen. Eine der Strategien der Kirche war klug: Beliebte Göttinnen wurden zu Heiligen gemacht, um die zu konvertierenden Heiden nicht völlig vor den Kopf zu stossen. Dadurch blieb die Verehrung erhalten, während die ursprüngliche Macht und Autonomie der weiblichen Figuren eingeschränkt wurden.


  • Brigid, die irische Göttin des Feuers, der Poesie und der Fruchtbarkeit, wurde zu St. Brigid, einer Nonne mit wundersamen Fähigkeiten, jedoch ohne die ursprüngliche magische Dimension.

  • Isis, die ägyptische Göttin von Magie und Mutterschaft, lieferte Bildmotive für die Jungfrau Maria, nun geprägt von Demut und Gehorsam.

  • Diana/Artemis, Schutzgöttinnen der Frauen und der Natur, wurden häufig in negativen Legenden oder Märchen dargestellt, wodurch ihre ursprüngliche Schutz- und Autonomierolle abgeschwächt wurde.


Diese Transformationen führten dazu, dass weibliche Figuren nicht in ihrer ursprünglichen Kraft anerkannt wurden, sondern „domestiziert“ oder auf moralische Tugenden reduziert wurden.


Dämonisierung des Weiblichen

Göttinnen oder Frauenfiguren, die nicht in Heiligenrollen übertragen werden konnten, wurden in vielen Quellen negativ dargestellt oder gar ganz dämonisiert:


  • Lilith, ursprünglich Symbol für Autonomie und erotische Kraft, wurde später als gefährlicher Dämon beschrieben.

  • Hekate, Hüterin von Übergängen und Ritualen, wurde mit Hexerei und gefährlichen Kräften assoziiert.

  • Aschera, kanaanitische Muttergöttin, verschwand weitgehend aus den Schriften oder wurde als problematisch dargestellt.


Diese Veränderungen waren kein Zufall, sondern Teil systematischer Prozesse, die weibliche spirituelle Rollen entwerteten und Kontrolle über religiöse Praktiken und Glaubensvorstellungen ermöglichten.


Die Hexe als letzte Repräsentantin weiblicher Macht

Während der Inquisition und der Hexenverfolgungen waren vor allem Frauen betroffen, die über traditionelles Wissen verfügten – etwa Hebammen, Kräuterkundige oder Seherinnen. Viele dieser Frauen hatten Kenntnisse in Heilpflanzen, Geburtshilfe und rituellen Praktiken, die über Generationen weitergegeben worden waren.


Doch nicht nur solche „wissenden Frauen“ gerieten in Verdacht. Auch Frauen mit wirtschaftlicher oder sozialer Unabhängigkeit – etwa Witwen, alleinstehende Frauen oder solche mit Landbesitz – waren besonders gefährdet. Ihre relative Autonomie machte sie für patriarchale Strukturen gefährlich, weil sie nicht einfach unter männlicher Kontrolle standen.


Die Hexenverfolgungen hatten daher mehrere Dimensionen: Sie waren religionspolitisch, um Kontrolle über spirituelle Praktiken zu sichern; wirtschaftlich, um Land, Vermögen und Ressourcen unter männlicher oder kirchlicher Kontrolle zu bringen; und gesellschaftlich, um Frauen in abhängige Rollen zu drängen. Die Verfolgungen dienten nicht nur der Bestrafung einzelner Frauen, sondern auch der Unterdrückung von Wissen, Einfluss und Unabhängigkeit, wodurch die gesellschaftliche und spirituelle Präsenz des Göttlich-Weiblichen stark eingeschränkt wurde.


Die Rückeroberung

Heute, Jahrhunderte nach den Verfolgungen und der Marginalisierung des Weiblichen, erlebt das Göttlich-Weibliche eine Wiederaneignung – nicht als nostalgische Erinnerung, sondern als lebendiger Archetyp von Ganzheit und Selbstermächtigung.


In vielen modernen spirituellen Bewegungen wird die intuitive Weisheit, die zyklische Natur und die kreative Kraft des Weiblichen wieder sichtbar gemacht. Ziel ist es, Frauen und Menschen aller Geschlechter als aktive Mitgestalter:innen ihrer spirituellen Praxis anzuerkennen und die patriarchalen Begrenzungen traditioneller Strukturen zu überwinden.


The Urban Mystic steht an dieser Schnittstelle – dort, wo alte Traditionen auf zeitgenössische Spiritualität treffen, und wo Reflexion, Ehrfurcht und bewusste Selbstermächtigung Hand in Hand gehen. Die Rückeroberung des Göttlich-Weiblichen ist ein Aufruf, unsere Verbindung zu dieser Kraft wieder bewusst zu leben und Räume für Gleichberechtigung, Vielfalt und spirituelle Kreativität zu öffnen.


Quellen und weiterführende Literatur:

  • Eller, Cynthia. The Myth of Matriarchal Prehistory. Beacon Press, 2000.

  • Ruether, Rosemary Radford. Gaia & God: An Ecofeminist Theology of Earth Healing. HarperOne, 1992.

  • Christ, Carol P. Rebirth of the Goddess: Finding Meaning in Feminist Spirituality. Routledge, 1997.

  • Stone, Merlin. When God Was a Woman. Harcourt, 1976.

  • Pagels, Elaine. The Gnostic Gospels. Random House, 1979.

  • Spretnak, Charlene. Lost Goddesses of Early Greece. Beacon Press, 1978.

  • Budge, E.A. Wallis. The Gods of the Egyptians. Dover Publications, 1969.

  • Genesis 3 (Eva), Jesaja 14 (Luzifer), Deuteronomium 16,21 (Aschera-Pfähle).

  • Malleus Maleficarum (1487), Heinrich Kramer.

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Ich bin Nicole – urban aus Überzeugung, mystisch von Natur aus. Ich liebe schwarze Katzen, guten Chai oder Matcha und Gespräche, die spät am Abend anfangen und mit plötzlichen Erleuchtungen enden. Irgendwo zwischen Excel-Tabellen und Zauberkarten habe ich meine Berufung gefunden: Menschen zu helfen, das Chaos, die Magie und selbst die Montage zu verstehen.

Dies hier ist mein Kessel – ein Ort, an dem modernes Leben auf moderne Mystik trifft, gewürzt mit Neugier, einer Prise Rebellion und einer ordentlichen Portion Herz. Mach es dir gemütlich, gönn dir etwas Warmes zu trinken, und lass uns gemeinsam entdecken, welche Magie sich in unserem Alltag versteckt.

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