Ein Faden, sie alle zu verbinden: Kunst zwischen mentalem Wohlbefinden & Magie
- Nicole

- 30. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Über Psychologie, Atem, Kunst und den roten Faden, den ich lange nicht gesehen habe

Lange Zeit wirkte meine Arbeit wie eine Sammlung einzelner Fäden. Ausgebildet in Beratender Psychologie, MBSR und Pranayama hatte ich die Möglichkeit, viele Konzepte, die menschliches Wohlbefinden unterstützen, kennenzulernen – und weiterzugeben. Jeder Weg bot Einsicht, Struktur und Tiefe. Und doch blieben sie, für sich genommen, genau das: Fäden.
Die Psychologie lehrte mich, wie Menschen sich die Welt erklären. Die Beratung zeigte mir, wie Geschichten Identität formen. Coaching machte erfahrbar, wie Veränderung eingeladen statt auferlegt werden kann. Achtsamkeit lehrte mich, präsent zu bleiben. Und der Atem lehrte mich, weicher zu werden und loszulassen. Jede Disziplin brachte ihre eigene Textur mit, ihr eigenes Gewicht, ihre eigene Sprache. Ich lernte auf viele Arten zuzuhören: Worten, Mustern, Pausen – dem, was zwischen Ein- und Ausatmen lebt. Ich lernte, wie Verhalten entsteht, wie sich Stress im Nervensystem einschreibt, wie sich Bewusstsein gerade so weit öffnen kann, dass Wahlfreiheit wieder möglich wird. Wie schön!
Und doch – leise, beharrlich – blieb etwas ungewebt.
Manche Erfahrungen wollten nicht erklärt werden. Sie wollten sich bewegen. Genauer gesagt: Sie wollten sich durch uns bewegen – durch den Körper, durch Empfindung, durch gelebte Erfahrung. Vielleicht kennst du den Ausdruck „mit dem Gefühl sitzen“. Und ja, das ist wichtig. Präsenz ist wichtig. Stille ist wichtig. Doch manchmal reicht Sitzen allein nicht aus.
Als der Körper Teil des Gesprächs wurde
Gefühle bewegen sich durch den Körper und finden dort Entlastung – aber was ist mit Gedanken? Was ist mit Angst, die kreist, statt sich zu beruhigen? Was ist mit Emotionen, die sich intellektuell verstehen lassen und doch irgendwo tiefer feststecken, unbenannt und unbewegt? Diese Frage kehrte immer wieder zurück.
Mit der Zeit begann sich diese Frage zu verändern.
Meine Arbeit an der Schnittstelle zwischen psychologischen Werkzeugen und Achtsamkeitspraxis hatte mir bereits eine Richtung gezeigt. Besonders jene Praktiken, die die Sinne aktiv einbeziehen – achtsames Gehen, verkörperte Wahrnehmung, Pranayama-Techniken, die uns einladen, den Atem auf unterschiedliche Weise zu erleben, statt ihn nur zu beobachten.
Sie offenbarten etwas Wesentliches: Verstehen allein bringt selten Bewegung. Etwas über die Sinne Wahrzunehmen hingegen tut das durchaus. Ich lernte, dass je mehr der Körper einbezogen wurde, desto mehr begann sich etwas zu lösen. Regulation vertiefte sich. Präsenz wurde spürbar. Es wurde klar, dass das, was wir oft als Kopfarbeit bezeichnen, ebenso sehr Körperarbeit braucht – dass Einsicht ihren Weg über Empfindung findet, bevor sie sich als Bedeutung setzt. Lange war mir nicht bewusst, welche Form dieses Verständnis annehmen würde. Aber eines wusste ich sicher: Die Sinne waren kein Zusatz. Sie waren das fehlende Bindeglied.
Als Kunst den Raum betrat
Und genau dort betrat die Kunst den Raum. Nicht als Methode, nicht als Intervention, sondern als Einladung. Denn was spricht unsere Sinne unmittelbarer an als etas zu erschaffen? Und dieses Gestalten kann viele Formen annehmen. Für manche sind es Farbe und Textur. Für andere Bild und Geschichte, Klang und Rhythmus, Bewegung und Stimme. Fotografie, Narrative Kunst, Musik, Theater – jede Form öffnet eine andere Tür in denselben Raum.
Entscheidend ist nicht das Medium, sondern der Akt des Erschaffens selbst. Der Moment, in dem Aufmerksamkeit auf unsere Sinne un somit auf Empfindung trifft. In dem der Körper beteiligt ist. In dem etwas Inneres Gestalt annehmen darf, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Die Hände bewegen sich. Die Stimme findet Ausdruck. Der Körper schlüpft in eine Rolle. Eine Geschichte entfaltet sich. Unterschiedliche Formen, dieselbe Sprache. Kunst trat durch das Tun ein – durch Prozesse, die die Sinne einbeziehen und Erfahrung vor Bedeutung entstehen lassen.
Als Kreieren zu Ritual wurde
So wurde Kunst auch mehr und mehr zu einem natürlichen und selbstverständlichen Teil meiner Magie. Ein 'Webstuhl', an dem sich Fäden von Geist, Körper und Seele ohne Hierarchie begegnen konnten. An dem Gedanken und Gefühle, Intuition und Aufmerksamkeit, Empfindung und Reflexion gemeinsam existieren durften – nicht als Probleme, die gelöst werden müssen, sondern als lebendige Elemente, die gewürdigt werden wollen. Selbst die kleinsten Handlungen – ein Pinselstrich, ein bewusst gesetztes Wort, ein in den Raum gesungener Ton, eine Bewegung mit Intention – trugen mentale ebenso wie rituelle Kraft. Sie markierten Präsenz, schufen Raum und luden Wandlung ein.
Jeder kreative Akt wurde zu einer Form von Zauberarbeit, zu einem Ritual der Aufmerksamkeit. Malen, Erzählen, Musik, Bewegung oder auch persönliche symbolische Gesten gingen nicht darum, etwas „Perfektes“ zu erschaffen. Es ging darum, Erfahrung und Verstehen miteinander zu verweben – dem eine Form zu geben, was sonst unsichtbar, unbenannt oder im Geist stecken geblieben wäre.
Integration, so wurde mir klar, entsteht nicht dadurch, immer mehr Werkzeuge anzuhäufen. Sie entsteht, indem ein heiliger Raum geschaffen wird, in dem alles – Psychologie, Achtsamkeit, Atemarbeit und die Kunst der Magie – einander begegnen, miteinander sprechen und sich gemeinsam verwandeln können.
Ein Blick in die Zukunft
Selbst jetzt, wo ich an der Schwelle zu einem neuen Jahr stehe, fühlt es sich nicht so an, als hätte ich eine endgültige Antwort gefunden. Was ich jedoch spüre, ist eine klare Richtung – eine leise Anziehung hin zum Kreieren, Spüren und bewussten Weben.
Eines weiss ich allerdings: 2026 wird ein Jahr der Erkundung sein. Des genaueren Zuhörens. Des Zulassens, dass Körper, Sinne und Hände, die das führen dürfen, was der Geist längst weiss, aber noch nicht in Worte fassen kann. Ein Jahr, in dem Fäden, die seit Jahren existieren – Psychologie, Achtsamkeit, Atem und Intuition – sich durch den Akt des Kreierens endlich miteinander verweben dürfen.
Mein Ziel ist keine Meisterschaft. Und ich biete auch kein fertiges Allheilmittel an. Ich verpflichte mich zu Präsenz. Zu Neugier. Zu Hingabe. Dazu, Raum zu schaffen, damit Erfahrung führen darf und Bedeutung folgen kann, wenn sie bereit ist.
Un so stellt sich heraus: Das fehlende Stück war nie wirklich fehlend. Es wartete nur auf Raum. Darauf, dass die Sinne nachkommen und ihren Platz einnehmen dürfen. Darauf, dass der Webstuhl erscheint und die Fäden sich miteinander verweben. Und so ist dies meine Einladung – an mich selbst, an meine Praxis, an alle, die lesen: wahrzunehmen, was entsteht, wenn Aufmerksamkeit, Körper und Kreativität zusammenfinden. Und darauf zu vertrauen, dass Integration kein Ziel ist, sondern ein fortlaufender Prozess des Webens – Faden für Faden.




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