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Wach gehen: Warum ein gesunder Glaube Verantwortung braucht

  • Autorenbild: Nicole
    Nicole
  • vor 1 Tag
  • 6 Min. Lesezeit


Ein Glaubensweg kann ein Zuhause sein. Ein innerer Ort, der weich wird, wenn die Welt zu laut ist. Ein Licht, das wir anzünden, wenn alles in uns nach Orientierung sucht. Und ja — das ist wunderschön. Aber Glaubenswege sind nicht einfach nur woo woo. Sie berühren etwas zutiefst Menschliches: unser Bedürfnis nach Sinn. Nach Verbundenheit. Nach Halt in einer chaotischen Welt. Psychologisch gesehen kann genau das heilsam sein.Rituale können regulieren. Gemeinschaft kann tragen. Das Gefühl, Teil von etwas Grösserem zu sein, kann Resilienz stärken.


Doch hier kommt der Teil, über den wir nicht so gern sprechen: Ein Glaubensweg ist nicht nur eine Quelle von Schönheit und Trost. Er ist auch ein Spiegel. Und manchmal zeigt er Dinge, die unbequem sind. Vielleicht ist genau das der Punkt, den wir viel öfter anerkennen sollten:Dass Glaube nicht nur Halt geben soll — sondern auch Verantwortung verlangt. Ein Weg wird nicht dadurch reif, dass er sich gut anfühlt.Ein Weg wird reif dadurch, dass wir bereit sind, ehrlich hinzusehen. Denn wenn wir anfangen, nur noch das Schöne zu konsumieren und alles Unbequeme auszublenden, wird aus Spiritualität schnell eine Komfortzone. Und Komfortzonen machen blind. Manchmal sogar gefährlich blind — für uns selbst und für andere.


Religiöses Trauma ist real. Und es existiert nicht nur in grossen Institutionen. Es kann auch dort entstehen, wo wir es am wenigsten erwarten:in alternativen Räumen, in vermeintlich „freien“ Glaubenswegen, in spirituellen Communities.


Wenn ich meinen eigenen Weg anschaue — die Strömungen, die mich geprägt haben, die Räume, die mich berührt oder auch irritiert haben — dann sehe ich auch Schattenseiten. Zum Beispiel Coven oder Gruppen, die ungesunde Strukturen entwickeln können. Gemeinschaften, die dogmatisch werden. In denen kein geschützter Raum entsteht, sondern Kontrolle. In denen Fragen nicht willkommen sind, sondern als Illoyalität gelten. Und manchmal schleicht sich etwas ein, das besonders bitter ist: Elitismus.

Dieses Gefühl von wir wissen mehr, wir sind weiter, wir sind erwachter. Dabei sollte Glaube doch nie dazu dienen, Hierarchien zu bauen —sondern Menschlichkeit zu vertiefen.


Wenn ein Weg mehr ist als Trost

Und vielleicht ist genau das die eigentliche Reifeprüfung eines Glaubensweges: Dass wir nicht nur fragen, was er uns gibt — sondern auch, was er von uns verlangt. Denn Spiritualität ist nicht automatisch harmlos, nur weil sie alternativ aussieht. Nicht alles, was mit Kräutern, Kerzen und Mondphasen arbeitet, ist automatisch frei von Macht. Und nicht alles, was sich „heilig“ nennt, ist automatisch gesund.


Gerade weil diese Wege so intim sind — weil sie in unsere Sehnsucht nach Sinn greifen, in unsere Verletzlichkeit, in unser Bedürfnis nach Zugehörigkeit — können sie auch zu Räumen werden, in denen Dinge kippen.


Manchmal beginnt es ganz subtil. Lass uns deshalb heute mal bewusster hinschauen.


Guru-Energie im Hexengewand

Ein bisschen Guru-Gehabe hier. Eine Person, die plötzlich mehr weiss als alle anderen. Eine Stimme, die nicht mehr hinterfragt werden darf, weil sie „eingeweiht“ ist. Und ehe man sich versieht, entstehen Hierarchien in Räumen, die sich eigentlich als frei und antidogmatisch verstehen.


Spiritualität ist nicht immun gegen Ego. Im Gegenteil: manchmal gibt sie dem Ego nur ein schöneres Kostüm. Doch vergiss nicht, am Ende sind wir alle Menschen auf einem Glaubenspfad. Keine:r von uns ist unfehlbar. Auch dann nicht, wenn man viel weiss und viel Efahrung mitbringt.


Love & Light ist keine Therapie

Und dann gibt es diese Form von toxischer Positivität, die in vielen modernen Szenen fast schon Standard geworden ist: Dieses „Love & Light“-Denken, das alles Unbequeme wegatmet.

Wenn du traurig bist, sollst du höher schwingen. Wenn du wütend bist, bist du noch nicht geheilt. Wenn dir etwas wehtut, hast du es vielleicht manifestiert. Das ist keine Tiefe. Das ist emotionales Bypassing. (Darüber haben wir hier schon mal ausführlich gesprochen) Heilung bedeutet nicht, nur noch Licht zu sehen. Heilung bedeutet, auch Schatten halten zu können — ohne sie zu spiritualisieren oder wegzuerklären.


Religiöses Trauma endet nicht an Kirchentüren

Und ja: Auch religiöses Trauma existiert nicht nur in grossen Religionen. Es kann auch dort entstehen, wo wir es am wenigsten erwarten: in kleinen Gruppen, in Coven-Strukturen, in spirituellen Communities, die eigentlich Schutz versprechen — und dann Kontrolle meinen. Wo Zugehörigkeit an Bedingungen geknüpft ist. Wo Zweifel als Illoyalität gilt. Wo Fragen nicht willkommen sind, sondern als Störung empfunden werden. Mehr zum Thema religiöses Trauma findest du übrigens in unserem Artikel "Lass uns über religiöses Trauma sprechen".


Wenn Gemeinschaft elitär wird

Manchmal zeigen sich ungesunde Strukturen jedoch auch als Elitismus. Dieses leise Gift von: Wir sind echter. Wir sind weiter. Wir sind erwachter. Oder aber auch, wir sind die einzig Wahren. Aber Glaube war nie dafür gedacht, Hierarchien zu bauen. Sie sollte uns menschlicher machen, nicht wichtiger und erst recht nicht abgeschirmt von Mitmenschen.


Macht, Sexualität und Missbrauch

Und dann gibt es einen Punkt, über den wir besonders ehrlich sprechen müssen, auch wenn er unbequem ist: Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt existieren auch in spirituellen Räumen. Und ich möchte hier ganz klar sein: Es geht mir nicht darum, Sexualität zu verteufeln — im Gegenteil.Die Dämonisierung von Sexualität, wie sie in vielen religiösen Kontexten passiert, ist selbst zutiefst toxisch. Sie produziert Scham, Kontrolle und Entfremdung.


Sexualität kann etwas Heiliges sein. Sie kann — wenn sie frei entschieden, sicher, respektvoll und wirklich konsensuell ist — eine tiefe Verbindung schaffen. Manche Menschen erleben darin sogar etwas Mystisches, etwas Transzendentes. Aber genau deshalb ist der Grat hier so schmal.


Denn dort, wo Sexualität als „heilig“ oder „ritueller Akt“ verkauft wird, können Grenzen erschreckend leicht verschwimmen — besonders dann, wenn Machtstrukturen und Hierarchien im Spiel sind. Wenn jemand spirituelle Autorität besitzt. Wenn Abhängigkeit entsteht. Wenn „Initiation“ plötzlich als Rechtfertigung dient. Wenn ein Nein nicht mehr einfach ein Nein sein darf.


Manche Figuren der okkulten Geschichte — Aleister Crowley ist hier ein bekanntes Beispiel — werden bis heute kontrovers diskutiert. Crowley experimentierte offen mit sexualmagischen Praktiken und inszenierte Spiritualität oft bewusst als Grenzüberschreitung. Gleichzeitig ist vieles, was über ihn kursiert, über die Jahrzehnte auch zu Legende, Projektion und Skandalisierung geworden.


Und vielleicht ist genau das bereits Teil des Problems: Wie schnell in solchen Szenen Provokation mit Tiefe verwechselt wird. Wie leicht „transgressiv“ plötzlich als „spirituell überlegen“ gilt — und wie gefährlich es wird, wenn dabei Ethik und Verantwortung in den Hintergrund rutschen.


Nicht alles, was okkult ist, ist automatisch emanzipatorisch. Genausowenig wie automatisch alles, was okkult ist, böse ist. Aber patriarchale Gewalt kann sich auch in mystischen Gewändern fortsetzen. Und wir dürfen nicht so tun, als wäre das ein Randthema. Denn Spiritualität wird gefährlich, wenn sie Ethik ersetzt.Wenn sie Kritik ausschaltet. Wenn sie Menschen bindet, statt sie zu befreien. Gerade bei etwas so Intimem wie Sexualität gilt: Das Heilige ist nicht das Ritual. Das Heilige ist der Consent.


Wenn Spiritualität zur Verschwörung wird

Dazu kommt noch etwas, das viele unterschätzen: Wie anfällig manche Szenen für Verschwörungsdenken und antiwissenschaftliche Narrative sind. Nicht jede Hexe driftet ab — obviously. Genausowenig wie jeder Christ abdirftet. Aber alternative Spiritualität ist kein Schutzschild gegen Radikalisierung. Manchmal ist sie sogar ein Einfallstor, wenn sich Misstrauen gegen „die da oben“ mit Mythen vermischt und plötzlich Dinge geglaubt werden, die mehr Angst als Wahrheit produzieren.


Kapitalismus mit Räucherstäbchen

Und schliesslich ist da noch etwas, das viele von uns spüren, aber selten klar benennen: der moderne Kapitalismus in mystischer Verpackung. Spiritualität als Produkt. Healing als Abo. Der nächste Kurs, die nächste Initiation, das nächste Tool, das dich endlich „vollständig“ machen soll.


Aber — und das ist mir wichtig — es geht hier nicht darum, Menschen zu verurteilen, die spirituelle Arbeit anbieten. Räume zu halten ist Arbeit. Begleitung ist Arbeit. Wissen, Erfahrung, Rituale, kreative Praxis — all das darf und soll auch wertgeschätzt und natürlich bezahlt werden.


Das Problem beginnt nicht bei Geld. Das Problem beginnt dort, wo Sehnsucht zur Strategie wird. Wo Marketing gezielt an unsere Unsicherheit andockt. Wo suggeriert wird, dass wir erst „fertig“, „heil“ oder „erwacht“ sind, wenn wir noch ein Programm buchen, noch ein Zertifikat machen, noch ein Tool kaufen. Spiritualität wird dann nicht mehr Weg, sondern Ware. Und Menschen werden nicht mehr begleitet, sondern gebunden.


Ein Weg wird nicht tiefer, nur weil er teurer wird. Und Heilung ist kein Produkt, das man irgendwann endlich besitzt. Vielleicht ist die ehrlichste Frage hier nicht: Darf Spiritualität Geld kosten? Sondern: Dient sie der Freiheit — oder der Abhängigkeit?


Abschluss: Wache Spiritualität

Ein erwachsener Glaubensweg ist nicht der, der sich immer gut anfühlt. Sondern der, der dich nicht davon entbindet, hinzusehen. Für mich bedeutet das: Ich liebe diesen Weg. Ich gehe ihn. Aber ich romantisiere ihn nicht. Ich liebe Rituale, lebe Naturverbundenheit, und wirke leisen Formen von Magie im Alltag weil sie mir viel geben und ich dadurch ebenso viel geben kann. Aber ich glaube auch an Psychologie. An Grenzen. An Verantwortung.


Gesunden Glauben erkennt man nicht daran, wie schön er aussieht, sondern daran, wie sicher er ist. Daran, dass Fragen erlaubt sind. Dass niemand über dir steht. Dass Consent nicht verhandelbar ist. Dass Gemeinschaft nicht Besitz bedeutet. Dass Ethik wichtiger ist als Ästhetik. Und gerade Urbany Mystik heisst nicht, blind zu glauben. Es heisst, wach zu gehen. Mit Herz. Und mit Rückgrat.



Kommentare


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Hallo, danke fürs Vorbeischauen!

Ich bin Nicole – urban aus Überzeugung, mystisch von Natur aus. Ich liebe schwarze Katzen, guten Chai oder Matcha und Gespräche, die spät am Abend anfangen und mit plötzlichen Erleuchtungen enden. Irgendwo zwischen Excel-Tabellen und Zauberkarten habe ich meine Berufung gefunden: Menschen zu helfen, das Chaos, die Magie und selbst die Montage zu verstehen.

Dies hier ist mein Kessel – ein Ort, an dem modernes Leben auf moderne Mystik trifft, gewürzt mit Neugier, einer Prise Rebellion und einer ordentlichen Portion Herz. Mach es dir gemütlich, gönn dir etwas Warmes zu trinken, und lass uns gemeinsam entdecken, welche Magie sich in unserem Alltag versteckt.

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